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backDer Sieg birgt den Kern der Niederlage in sich

Rausch-Gold-Engel

Lucinda Williams auf der Höhe ihrer Schaffenskraft

go! www.lucindawilliams.com
Discographie

„Ramblin'“ (Smithsonian, 1979)
„Happy Woman Blues“ (Smithsonian, 1980)
„Lucinda Williams“ (Rough Trade/Koch, 1988)
„Sweet Old World“ (Chameleon, 1992)
„Car Wheels On A Gravel Road“ (Mercury, 1998)
„Essence“ (Lost Highway, 2001)
„World Without Tears“ (Lost Highway, 2003)

Spätestens mit der Eingangssequenz zu David Lynchs „Blue Velvet“ wurde es auch dem letzten Uninteressierten ein für alle Mal ins Bewusstsein gehämmert: Er kann einen anstrahlen, wie er will, der amerikanische Traum – wagt man den berühmten Blick unter die Oberfläche, erweist sich die Hochglanzlasur mit nahezu tödlicher Sicherheit als schöner Schein ohne allzu tiefe Wurzeln in der Realität. Im Showgeschäft zumal, fürs gemeine Publikum zumindest, wenn nicht auch für den Künstler höchstselbst: US-Sängerin Lucinda Williams, nach bereits drei Grammys auch mit „World Without Tears“ derzeit wieder bestens im Rennen um das Roots/Rock/Blues-Album des Jahres, ist alles andere als die Ausnahme von der Regel.

Von Christian Beck

Schwere Blues-Licks. Eine Stimme, so rau wie kein Mann. Geschichten von Verlust, Verleugnung, Verlorenheit – die persönliche Vermutung des Autors dieser Zeilen ist, die Chancen stehen gut, dass es kein gutes Ende nehmen wird mit Lucinda Williams. Sie leidet, sie trinkt, sie wird alt – wo ist da die Perspektive? Und um das durchaus auch wohlig Schaudern machende Bild zu vervollständigen, das auch die Lackmustests Interview und Live-Augenschein rundum bestätigten, scheint sie noch nicht einmal über die handelsüblichen Schutzmechanismen zu verfügen, die in einem solchen Falle von Vorsichtigeren, Professionelleren, Geschickteren, Paranoideren angewandt werden: Lucinda Williams ist offensichtlich eine durch und durch ehrliche Haut! Gerade heraus, direkt, echt – bis an die Schmerzgrenze und im Zweifelsfalle auch weit darüber hinaus.

Lucinda WilliamsMüde

„Yeeeaaaah“, gähnt es einem auf die Frage entgegen, was es denn mit der marlenedietrichschen Müdigkeit auf sich habe, die von A bis Z nur so aus all ihren Alben kriecht, ob sie womöglich mit einer Müdigkeit am Leben an sich korrespondiere: „Ich bin ein bisschen erschöpft im Moment, wenn ich die Wahrheit sagen soll. Keine Ahnung, ich denke, ich glaube, es ist alles irgendwie … ich weiß nicht, ich bin traurig zur Zeit, es ist eine traurige Welt, alles ist so traurig.“ Die Telefonnummer, welche man von der Plattenfirma bekommen hatte, war der Künstlerin höchsteigen private gewesen. „Hi, this is Lucinda“ hatte es vom Anrufbeantworter geschlurft, man möge seine Nummer hinterlassen, sie rufe zurück. Und tatsächlich klingelt später, man ist gerade dabei, sich schmunzelnd mit der vermeintlich feisten Lüge abzufinden, das eigene Telefon und es kriecht einem zum zweiten Mal unter die Haut an diesem Abend. Diesmal live, noch etwas strapazierter klingend, aber höflich, richtig freundlich, regelrecht warm: „Hi, this is Lucinda ...“!

Kein Promoter zum Händchenhalten an ihrer Seite, schon gar kein Mädchen für alles, Anstands-Wau-wau, Aufpasser von der Plattenfirma, Gott bewahre. Anderntags bei der Deutschland-Minitour im Mai scheint das allerdings schon eine andere Nummer zu sein: Es seien da sehr wohl Leute gewesen, die etwas zu sagen hatten und dies auch taten, erzählten besonders Hingerissene, die es schon des Mittags zur Berliner Universal Hall gezogen hatte. Das Objekt ihrer Popstarbegierde hatten sie tatsächlich ausführlich zu sehen bekommen, als der Tross des Mittags eingetroffen sei, allerdings in einem Zustand, der nach dem Mantel barmherzigen Schweigens geradezu schrie – genau wie auch bereits am Tag zuvor in der Hamburger Fabrik auf der Bühne, und auch da sicher nicht das erste Mal in Lucinda Williams wechselhafter Karriere.

Trunken

Mit „Drunken Angel“ beginnen denn auch nicht ganz sinnlos die Konzerte auf der Tour zu Lucinda Williams' aktuellem Album „World Without Tears“, lange lange lange nachdem sie die „befohlene“ Ausnüchterungsdusche hinter sich gebracht hat: Die First Lady des Rootsrock trinkt! Und offenbar nicht zu knapp, wie nicht nur ganzen Batterien bestimmter Becher auf der Bühne unschwer zu entnehmen ist, sondern auch dem Gang, mit dem die meistbejubelte Singer/Songwriterin dieser Tage in ihren hochhackigen Cowboy-Stiefelettchen über die Bühne stakst, der Art, wie sie sich an Doug Pettibone (Gitarre) und Taras Prodanius (Bass) festhält, wenn sie mit ihnen über die nächsten Songs konferiert, und der Weise, in der sie sich zum selben Behufe über Jim Christies Schlagzeug beugt, dazu.


*
1993 Country Song: „Passionate Kisses“
1998 Contemporary Folk Album: „Car Wheels On A Gravel Road“
2001 Rock Female Vocal: „Get Right With God“


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im Folker! 5/2003