Gilad Atzmon

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Gilad Atzmon

Letzte Ausfahrt: Exil

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Aktuelles Album:

Gilad Atzmon & The Orient House Ensemble
  „Exile“ (Enja, 2003)

Von Luigi Lauer

Gilad Atzmon ist ein Mann mit Grundsätzen. Zu denen gehört die Ablehnung des Staates Israel – jedenfalls in seiner gegenwärtigen Ausprägung. Einen Palästinenser-Staat befürwortet er allerdings ebenso wenig, weil er dadurch die Rechte der Palästinenser nicht ausreichend gewürdigt sieht – er fordert deren Rückkehr. Sein satirischer Roman „A Guide To The Perplexed“ ist eine bissige Abrechnung mit einem System, das „koloniale Apartheid“ im 21. Jahrhundert praktiziert. Auch musikalisch setzt sich Atzmon, selbst Jude, für die Belange der Palästinenser ein, indem er mit dem soeben erschienenen Album „Exile“ die Geschichte Palästinas erzählt und dazu alte jüdische Lieder entfremdet. Einer möglichen Inhaftierung in Israel ist Atzmon durch sein Londoner Exil zuvorgekommen. Luigi Lauer lud den Künstler zu einem Folker!-Gespräch.

Gilad AtzmonWie wird man als Israeli Anti-Zionist?

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die politisch am äußeren rechten Rand anzusiedeln ist. Schon mein Name ist zionistisch, nicht jüdisch. Als die Juden nach Palästina kamen, änderten sie ihre Namen in hebräische Namen. In den 50er, 60er Jahren wollten sie sich von der jüdischen Tradition lossagen – wie überhaupt der ganze Zionismus auf der Idee eines „neuen Juden“ basiert, der menschlich und säkular ist.
Gilad Atzmon, geboren 1963 in Jerusalem, studierte Komposition und Jazz in Israel und Philosophie in England. Als radikaler Anti-Zionist verneint er ein Existenzrecht des Staates Israel. Sein Roman "A Guide To The Perplexed" wurde in sechs Sprachen übersetzt und erscheint im Oktober auch in Deutsch („Anleitung für Zweifelnde“, dtv 24368, 180 Seiten). Als Musiker arbeitete Atzmon unter anderen für Ian Dury, Robbie Williams, Paul McCartney und Sinead O'Connor. Bislang sind von ihm acht CDs erschienen, die von puristischem BeBop bis World-Jazz reichen. Gilad Atzmon lebt in London.

Wir wissen heute, dass daraus nichts geworden ist. Bevor ich mit 18 meinen Wehrdienst ableisten musste, wurde ich unsicher, was ich vom Zionismus halten soll. Beim Militär war ich alles andere als ein Held, ich ging freiwillig zum Sanitätsdienst und landete im Krieg in Libanon, wo wir Verletzte betreuten. Ich sah keinen Unterschied zwischen Israelis und Palästinensern. Viel später kehrte ich als Musiker dorthin zurück, in ein israelisches Konzentrationslager, wo Palästinenser gefangen gehalten wurden. Was ich dort sah, überzeugte mich, dass der ganze Zionismus ein Verbrechen ist, von Anfang bis Ende. Man muss wissen, dass in Israel niemand versteht, was ein Palästinenser, was die palästinensische Sache ist. Die Geschichte Palästinas erfährt man in Israel nicht. Man kennt die Palästinenser nur als Flüchtlinge, doch schon bei deren Zahl hört die Kenntnis auf. Es gibt viele, es gibt massive Abscheulichkeiten gegen Palästinenser.

Ist das mit der Apartheid in Südafrika vergleichbar?

„Musik ist das höchste Gut
menschlicher Spiritualität.
Politik ist das genaue Gegenteil.“

Absolut! Es ist das getrennte Rechtssystem, das zur Apartheid führt, eine Form kolonialer Struktur, die der Fremdherrschaft mehr Rechte einräumt als der indigenen Bevölkerung. Was die Briten in Indien und Südafrika zur Kolonialzeit machten, betreibt Israel noch heute. Israelische Siedler in der Westbank leben unter einem anderen Rechtssystem als die Palästinenser; Gilad Atzmondas Gleiche gilt für israelische Araber. In der Westbank herrscht de facto das Kriegsrecht einer Besatzungsmacht, die Palästinenser haben dort überhaupt keine Rechte. Wer als Jude in, sagen wir, Brooklyn zur Welt gekommen ist, erhält in Israel alle Rechte. Ein Palästinenser, der in Jenin zur Welt kommt, wird in die Unterdrückung hineingeboren. Wenn westliche Politik aufrichtig sein soll, muss sie Israel mit allen Mitteln dazu bewegen, das Rechtssystem zu ändern und die Apartheid zu beenden. Mein Anliegen ist, Israel zu einem Staat seiner Bürger zu machen. Aller Bürger! Und der erste Schritt dahin muss heißen: gleiche Rechte für jeden.

Was halten überzeugte Zionisten davon?

Die Antwort wird dir sehr irrational vorkommen. Die Zionisten sagen, dies war vor 2000 Jahren jüdisches Land, und nun kämen die Juden halt zurück nach Hause. Und sie glauben an diesen Unfug! Stelle dir vor, die Italiener würden heute nach England fliegen und eine neue Siedlung am Picadilly Circus errichten, weil die alten Römer vor gut 2000 Jahren auch schon mal dort herrschten – das ergibt genauso wenig Sinn. Man kann mit Israelis nicht auf der Basis von Vernunft reden. Deshalb habe ich mich entschlossen, mit musikalischem Terrorismus zu antworten. Musik ist das höchste Gut menschlicher Spiritualität. Politik ist das genaue Gegenteil. Ich bringe beides zusammen. Ich terrorisiere sie mit Musik.


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im Folker! 5/2003