backMari Boine, Deva Premal, Nasrin und Marla Glen singen für den Dalai Lama

Women's Voice

Auf der Suche nach authentischer Musik

Zuerst verteilt ein weiser Mann reichlich geistig-spirituelle Nahrung an das Volk. Danach treten vier musikalisch begabte Frauen an, die Seelen und Körper des Publikums ins Schwingen zu bringen. Die Rede ist vom Vortrag des Dalai Lama Anfang Juni in der Münchner Olympiahalle und dem anschließenden Weltmusik-Konzert mit Mari Boine, Nasrin, Deva Premal und Marla Glen. Eine hochkarätig besetzte Veranstaltung also. Doch sie wirft einige Fragen auf. Allen voran: Wie passt das alles zusammen? Welches Konzept steckt dahinter?

Von Gudrun Zercher

Doch der Reihe nach: „Ein menschlicher Beitrag zum Weltfrieden“ hieß das Thema, über das sich der oberste tibetische Buddhist und gleichzeitige Friedensnobelpreisträger „Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama“ an jenem Juni-Nachmittag ausließ. Ein Thema, das auch Monate nach dem offiziell als beendet erklärten Irak-Krieg auf viele offene Ohren stieß.

Marla GlenMarla Glen

Ihre Stimme ist rauchig und erinnert an ein Reibeisen. Doch das ist nicht das einzig Auffällige an Marla Glen. Die Afro-Amerikanerin, die 1970 in Chicago das Licht der Welt erblickt, tarnt sich gerne als Mann auf der Bühne: in Anzug, Hemd, Schlapphut und mit Gehstock.

Musikalisch ist Marla Glen in Blues- und Soul-Gefilden zuhause. Häufig finden sich auch stark belebende Jazz-, Pop-, Rock- und Funk-Elemente in ihren Stücken. Gelegentlich wird sie auch als African-Ethno-Sängerin bezeichnet. Das Thema soziale Gerechtigkeit spielt eine zentrale Rolle in ihren Texten, weshalb sie von manchen auch eine „singende Rebellin“ oder „Kämpferin für eine gerechtere Welt“ genannt wird.

Ihre ersten künstlerischen Gehversuche soll Marla Glen mit elf Jahren unternommen haben. 1993 erscheint ihre Debüt-CD „This Is Marla Glen“. Den internationalen Durchbruch schafft sie, als ihr Stück „Believer“ zur Untermalung eines Werbespot ausgewählt wird. Auf ihr erstes Album folgen drei weitere Veröffentlichungen, bevor sie Ende der 90er Jahre eine Schaffenskrise erleidet. Diese scheint nun überwunden, seit 2002 tourt Marla Glen wieder. Die US-Amerikanerin lebt inzwischen in Heilbronn, wo sie mit ihren deutschen Freunden an einem Comeback bastelt. Neben ihrem Debüt-Album erzielt auch „Love und Respect“ (1995) Gold-Status in Deutschland. Im April 2003 erscheint ihre neue Scheibe „Friends“.

www.marlaglen.de

Deva PremalDeva Premal

Indisch inspirierte Meditationsmusik ist das Spezialgebiet von Deva Premal. Die 1970 in Deutschland geborene Sängerin tritt meist gemeinsam mit dem Gitarristen Miten auf, der auch ihr Lebenspartner ist. Der Brite zeichnet für die Kompositionen und Arrangements sowie die Gitarren-Begleitung verantwortlich, während Deva Premal singt und Keyboard spielt. Ihre Musik gilt in Esoterik-Kreisen als meditativ-sinnlich und freudvoll. Das Duo begleitete den Dalai Lama bereits im Vorjahr auf seiner Konferenz in München mit seinen Mantren.

In die Welt östlicher Spiritualität wird Deva Premal schon in jungen Jahren eingeführt. Durch ihren Vater, einen Künstler, und ihre musikalisch begabte Mutter. Deva Premal erhält Violin- und Klavierunterricht, fühlt sich aber durch die Strenge klassischer Vorgaben häufig eingeschränkt. Nachdem sie 1990 Miten in einem indischen Ashram kennen lernt, beginnt sie, sich freieren Musikrichtungen zuzuwenden. Dabei entdeckt sie ihre Stimme als ihr eigentliches Instrument.

Miten ist in den 70er und 80er Jahren als Sänger, Songwriter und Gitarrist sehr aktiv. Er tourt mit Ry Cooder, Fleetwood Mac und Lou Reed. Im Jahr 2002 erscheinen die jüngsten Alben des Duos: „Embrace“ und „Satsang“.

go! www.mitendevapremal.com

Kurz nach dem Auftritt des Dalai Lama übernahmen die Frauen das Mikrofon und die Bühne. „Women's Voice“ lautete das Motto, dass der Veranstalter Culturelife – hinter dem der Konzert- und Konferenzorganisator Dieter Reichert steht – für das Abendprogramm ausgerufen hatte. Vier Musikerinnen sollten der geballten Geistlichkeit einen angemessenen Rahmen geben. Denn: „Frieden beruht immer auf Völkerverständigung und somit ist es nur folgerichtig, die Veranstaltung in einen multikulturellen Rahmen zu stellen“, hieß es im Pressetext. Um diesen multikulturellen Rahmen herzustellen, waren vier Sängerinnen eingeladen, Musik aus verschiedenen Kontinenten vorzutragen: die Norwegerin Mari Boine, die indisch-inspirierte Deva Premal, die Perserin Nasrin und die US-Amerikanerin Marla Glen.

Die Idee für dieses Konzert hatten Reichert und Nasrin gemeinsam. In den Mittelpunkt wollten sie Frauen stellen, „die oft am Rande der Gesellschaft unter schwierigen sozialen Bedingungen leben“. Deshalb sollte dieser Programmteil nicht nur von, sondern auch teilweise für Frauen gemacht werden. Ein Benefiz-Konzert also, bei dem ein Teil des Konzert-Erlöses für die sozialpädagogische Einrichtung Mimikry in München vorgesehen war. Mimikry will Frauen unterstützen, die aus der Prostitution aussteigen wollen.

Mari BoineMari Boine

Ihre Heimat ist der nördliche Polarkreis. 1956 kommt Mari Boine Persen in dem kleinen Dorf Gamehisnjarga im Norden Norwegens zur Welt. Hier leben die Samen (Lappländer), als deren musikalische Botschafterin Mari Boine gilt. Sie hat das Joiken, einen Gesangstil, der auf die vorchristlichen Traditionen ihrer Vorfahren zurückgeht, international bekannt gemacht. Joik-Gesänge sind eine Art Obertonsingen.

Nach ihrer Schulzeit wird Mari Boine zunächst Lehrerin und engagiert sich in linken Protestbewegungen. Sie kämpft für die Erhaltung der Lieder ihrer Vorfahren und gegen die Geringschätzung der lappländischen Kultur durch die Norweger. Musikalisch versteht sich Mari Boine nicht als Traditionalistin. Sie greift die alten Traditionen ihres Volkes zwar auf, entwickelt sie jedoch weiter und sucht ihren eigenen Ausdruck. Neben samischen Rhythmen finden sich dort auch Pop/Rock-, Jazz- und Latino-Elemente. 1985 erscheint Mari Boines Debüt-Album „Jaskatvuooa Manna“. Erste internationale Aufmerksamkeit erregt ihre Platte „Gula Gula“ (1989), die auf Peter Gabriels Real World Label veröffentlicht wird. Der große Durchbruch auf der Weltmusik-Bühne gelingt der Samin durch die Zusammenarbeit mit dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek. „Eight Seasons“ (2002) heißt das jüngste Werk von Mari Boine.

go! www.fortunecity.com/millennium/lilac/3/boine.htm (inoffizielle Homepage)

NasrinNasrin

Mit vollem Namen heißt sie Nasrin Khochsima. Ihre Mutter stammt aus Aserbaidschan, ihr Vater aus Südpersien. Nasrin wuchs in Frankfurt am Main auf. Da ihr Vater bei den US-Streitkräften arbeitete, hörte sie in ihrem Elternhaus oft den US-Sender AFN. Die verschiedenen kulturellen Einflüsse spiegeln sich in Nasrins Musik wider, sie versucht sich als Brückenbauerin zwischen westlichen und östlichen Traditionen.

Einige ihrer Stücke sind stark geprägt von Pop-, Rock- und Jazz-Elementen, während andere eindeutig den Stempel orientalischer Musiktraditionen tragen. Nasrin singt auf Englisch, Persisch und Aserbaidschanisch, wobei sie in der Sprache ihrer Vorfahren den stärksten künstlerischen Ausdruck findet. Ihre Stimme klingt sehr kraftvoll und ausdrucksstark, in Balladen kann sie aber auch auf sanft und hingebungsvoll umschalten.

Die ersten musikalischen Sporen verdiente sich Nasrin unter anderem als Backgroundsängerin bei Albert C. Humphrey. Von 1993 bis 1996 gehörte sie der Ethnogruppe Voyage an. Ihre derzeitige Formation heißt Trio Nasrin mit dem Gitarristen Martin Kursawe, der viele ihrer Kompositionen arrangiert, und dem Percussionisten Wolfgang Lohmeier. Nasrins erstes und bisher einziges Album erschien im Jahr 2000: „Nasrin – The Key Is Just Inside Of You".

go! www.nasrinmusic.de

Etikett „Weltmusik“ als Gemeinsamkeit?

So weit, so klar. Schwieriger wird es, wenn man überlegt, nach welchen Kriterien das Musikprogramm gestaltet wurde. Welches Konzept steckte dahinter? In der Ankündigung hieß es: „Die Zusammenstellung des Programms erfolgte nicht von ungefähr. Die vier Frauen stehen, so unterschiedlich ihre Herkunft und ihre Stile auch sind, für die Suche nach einer authentischen Musik fernab der Kommerzialität des üblichen Musikgeschäfts.“

Aha! Aber was bedeutet das? Kann man bei ernstzunehmenden Musikerinnen und Musikern nicht immer davon ausgehen, dass sie auf der Suche nach ihrer authentischen Musik sind? Und spielt sich diese Suche tatsächlich „fernab der Kommerzialität des üblichen Musikgeschäfts“ ab? WeltmusikerInnen – als die die vier vom Veranstalter bezeichnet wurden – haben sicherlich ein kleineres Publikum als Pop- oder Rockmusiker, nicht zuletzt weil sie sich dem Massengeschmack weniger beugen. Aber selbst die originärste Musik muss sich an die Hör-Gewohnheiten des Marktes anpassen, auf dem sie bestehen will. Uneingeschränkt bejahen kann man also nur die Aussage, dass die vier Musikerinnen höchst unterschiedliche Stile repräsentieren und unterschiedlicher Herkunft sind.


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