backPLATTEN-PROJEKTE

Es gibt CDs und speziell CD-Serien, die sich den herkömmlichen Kriterien einer Rezension entziehen. Bei ambitionierten Konzepten greift das simple „Daumen rauf oder Daumen runter“ einfach zu kurz. Gerade in einer Zeit, wo Tonträger preiswert produziert werden können und die Menge der Veröffentlichungen inflationär ist, sind anspruchsvolle Serien besonders wichtig. Andererseits müssen sich solche engagierten Vorhaben mit strengeren Maßstäben messen lassen als z.B. eine ordinäre Kompilation. In diesem Heft schreibt Nikolaus Gatter über
Ernst Busch: Chronik in Liedern
Kantaten und Balladen 1-9

Aurora 1: Streit und Kampf. EdBa 01401-1
Aurora 2: Roter Oktober. EdBa 01402-1
Aurora 3: Die goldenen Zwanziger EdBa 01403-1
Aurora 4: Echo von links. EdBa 01404-1
Aurora 5: Hoppla, wir leben. EdBa 01405-1
Aurora 6: Es brennt. EdBa 01406-1
Aurora 7: Spanien 1936-1939. EdBa 01407-1
Aurora 8: An die Nachgeborenen. EdBa 01408-1
Aurora 9: Ist das von gestern. EdBa 01409-1

Streit und Kampf

Hört ihn an und macht es anders

Die Ernst-Busch-Edition bei Barbarossa

Das ganze Leben Buschs war nötig, meinte Brecht, den Azdak im „Kreidekreis“ hervorzubringen - „auch die Enttäuschungen nach 1945“. Werkzeugmechaniker und Werftarbeiter, jugendlicher Liebhaber und Kabarett-Chansonnier, Exilant in Moskau und Entertainer der Interbrigaden, Lagerhäftling in Saint-Cyprien und Gurs, Todeskandidat in Moabit und, höre und staune, eine Weile auch Kulturdezernent in Berlin-Wilmersdorf. Das war Ernst Busch (1900-1980). Vor allem aber Arbeitersänger, Liedersammler und last not least Plattenproduzent. Am 12. August 1946 hatte ihm die SMAD (Sowjetische Militäradministration) die Lizenz zur Gründung der ersten nachkriegsdeutschen Schallplatten-GmbH erteilt.

Mit seinem Label „Lied der Zeit“ geriet der Unternehmer Busch in die Schusslinien der Formalismusdebatte. „Amerikanischen Jazz“ habe er hereingeholt, „rhythmische Elemente überbetont“ und „Soldatenlieder der imperialistischen USA“ aufgenommen. Hinzu kam das Misstrauen gegen Agitprop als Erbe der Weimarer Kampfjahre. „Eines Tages erging die Order [...], Busch sei Proletkult“, erinnert sich Manfred Wekwerth, „Alles, was nach politischer Agitation aussah und nicht die Verbrämung [...] über die Klassik fand, ging in die Linie des Proletkults.“ Fazit: Ende 1952 Auftritts-, 1953 Sendeverbot für Busch-Platten und -Bänder, die in den Rundfunkarchiven vernichtet wurden. Im selben Jahr wurde sein Unternehmen, weil es angeblich unwirtschaftlich arbeite (und dem Besitzer unterstellt wurde, Buntmetall geklaut zu haben), verstaatlicht. Es wurde zum VEB Deutsche Schallplatten, aus welchem bekannte DDR-Labels wie Amiga, Eterna, Litera usw. hervorgingen - und schließlich auch „Aurora“, 1978 gegründet für die im Zeichen der Liberalisierung nicht mehr zu verhindernde Edition des Busch-Lebenswerks.

Roter Oktober

Die goldenen Zwanziger

Echo von links

Hoppla, wir leben

Dessen Veröffentlichungsweise erinnert an Brechts „Versuche“ und die Bücher zur „Theaterarbeit“ des Berliner Ensembles, wo der gegenüber Funktionären selbstbewusst auftretende Busch seinen Lebensunterhalt als Schauspieler bestritten hatte. In eigenwillig collagierten Bild-Text-Mappen legte er insgesamt 44 Maxi-Singles vor. Zusammen ermöglichen sie den Rückblick auf ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte aus linkssozialistischer Perspektive. Hinzu kamen historische Aufnahmen, gelegentlich sogar alternative Vertonungen ein und desselben Lieds durch unterschiedliche Komponisten.

Die vorliegende CD-Reihe ist eine digitalisierte Auswahl dieser Auswahl. Sie greift auf Buschs Anthologien zurück, ergänzt das Material kompilatorisch und gliedert es nach Liedautoren (Tucholsky auf „Ist das von gestern“, Brecht auf „An die Nachgeborenen“, Mühsam/Klabund/Wedekind auf „Streit und Kampf“) oder historischen Komplexen (Faschismus und Widerstand auf „Es brennt; KPD-Kampflieder auf „Echo von links“; Spanischer Bürgerkrieg auf „Spanien 1936-1939“, wobei sich die CD „Roter Oktober“ allerdings nicht auf die bolschewistische Revolution allein, sondern auch auf Russland in der Kriegs- und Nachkriegszeit bezieht). Die 2002 erschienenen Produktionen No. 8 und 9 wurden im Februar mit dem Vierteljahrspreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Es brennt

Spanien 1936-1939

An die Nachgeborenen

Ist das von gestern

Eingang fanden auch thematisch passende Aufnahmen von Buschs Mitstreitern/-innen, Tondokumente, Unveröffentlichtes. Die Beihefte bieten Chroniken, Bilddokumente, Kommentare, hie und da auch mal ein Liedtext - alle Druckrechte einzuholen, erschien den Verantwortlichen wohl als übertriebener Luxus. Herausgeber Dr. Jürgen Schebera gibt zwar nirgends ausführlich Rechenschaft über seine Kriterien, hat aber eine glückliche Hand. Mitunter strapaziert er durch bemühte Aktualisierung, stellt Fotos von NPD- und NSDAP-Aufmärschen zeigefingerhaft nebeneinander oder behelligt uns mit halbgarem politischem Räsonnement: „Ohne wirkliche Demokratie war (und ist) Sozialismus nicht zu haben“, heißt es im Kommentar zu „Roter Oktober“ - und mit vielleicht schon? Brecht, Eisler, Busch hätten „zu lange die Augen verschlossen“ vor dem, was in der DDR „nach einigen ermutigenden Anfangsjahren“ los war: Na, das werden sich die drei aber hinter die Ohren schreiben. Und wieviel Jahre geben wir denen, die damals schon in Sibirien geschunden wurden oder in Bautzen einsaßen?

Zu den besonders liebevoll dokumentierten Produktionen gehört - von den genialen Brecht-Interpretationen abgesehen - , wohl „Spanien 1932-1939“. Die entsprechende Aurora-Mappe hatte Busch übrigens Michael Kolzow und Maria Osten gewidmet, mit denen er nach Spanien gereist war und die unter Stalin ermordet wurden. Die Truppenbetreuung der Internationalen Brigaden bot dem Meister des Agitprop noch einmal Gelegenheit, alle Auftrittsregister zu ziehen. Glanzstücken wie „Mamita mia“ und der „Thälmann-Kolonne“ stehen in der Spanien-Auswahl spanische Pete-Seeger-Einspielungen mit dem Five-String-Banjo zur Seite. Am tradierten Landserschnulzen-Repertoire vom guten Kameraden bediente sich Busch ebenso wie bei der Jugendbewegung, deren „ehrlose“ „Wilde Gesellen“ er kurzerhand zu „Rebellen“ gegen Mammon-Götzendiener und Gestapo umwidmet. Dagegen fällt die bieder-grobschlächtige Wandervogelschelte Erich Weinerts deutlich ab („Gesang der Edellatscher“ auf „Hoppla, wir leben“).

Nikolaus Gatter

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Mehr über die
Ernst-Busch-Edition
im Folker! 2/2003