backBegeisterung ohne Karamellen

Carnaval de São VicenteCarnaval de São Vicente

Die närrische Zeit auf den Kapverden

Während sich die Jecken hier warm einpacken, um auf den Straßen zu feiern, kochen die Temperaturen auf den Kapverdischen Inseln über, ohne dass man dort nach Karamellen ruft und springt. Dem ausgelassenen Treiben auf den Inseln im Atlantik, rund 600 Kilometer westlich von Senegal gelegen, kann sich kaum jemand entziehen. Karnevalsmuffel gibt es auf den Kapverdischen Inseln kaum. Zumindest schwärmen ausnahmslos alle vom Carnaval de São Vicente, vom einfachen Kapverdianer auf der Straße bis zu den prominenten Musikern der Insel. São Vicentes Kulturhauptstadt Mindelo ist das Zentrum der närrischen Veranstaltungen. Das bestätigt der seit vielen Jahren gefragteste Karnevalskomponist der Stadt, Valdemiro Ferreira, besser bekannt unter seinem Spitznamen „Vlú“: „Der Karneval ist das populärste kulturelle Ereignis in Mindelo, vielleicht sogar der Kapverdischen Inseln. Alle Bewohner machen im Karneval mit. Es spielt keine Rolle, ob du reich oder arm bist.“

Von Antje Hollunder

Tito Paris, einer der bekanntesten Musiker São Vicentes, lebt seit über zwei Jahrzehnten in Portugal. Er bedauerte während eines Interviews vor zwei Jahren in Mindelo, Carnaval de São Vicentedass er in seiner Geburtstadt seit vielen Sessionen den Karneval nicht mehr habe mitfeiern können. Kurz danach erschien er dann unerwartet auf einer der vielen Karnevalparties, die bereits in den ersten Januartagen in der Stadt abgehalten werden. Auf der Terrasse vom Hotel Porto Grande zeigte sich der Sänger und Gitarrist sowohl auf der Bühne als Special Guest der obligatorischen Live-Band als auch inmitten der kostümierten Karnevalsgesellschaft.

Auch Cesaria Evora ist dem Karneval ihrer Heimat herzlich zugetan. Seit 1999 steuert die vielreisende Sängerin alljährlich ihren Teil dazu bei. Wo ihr Hit „Carnaval de São Vicente“ auf Mottofeiern oder buntgemischten Kostümfesten nicht live gespielt wird, erschallt er von CD, inzwischen meist als Remix. Wen wundert es, dass der Song den Status einer Karnevalshymne hat, heißt es doch im Refrain: „Ich kenne São Vicente, seinen Charme und seine Lebensfreude. Aber ich wusste nicht, dass es im Karneval noch schöner ist. São Vicente ist wie ein kleines Brasilien: voller Freude und Farben. In diesen drei Tagen gibt es keinen Streit, denn es ist Karneval mit Jubel ohnegleichen. Du kannst kommen und gehen, es gibt genug zu essen und zu trinken. Heute ist Karneval.“

Musik und Kostüme im Wettbewerb

Carnaval de São VicenteIn der Karnevalszeit tanzen die Menschen auf den Kapverden weniger zur traditionellen Coladeira (einem für São Vicente typischen fröhlich schwingenden Musikstil) als zu einer Mischung aus anderen einheimischen und brasilianischen Musikstilen. Dazu gehören beispielsweise die kapverdianische Samba und die Batucada (sie wird traditionellerweise von reinen Perkussionsensembles vor allem mit Marschtrommeln auf den Straßen gespielt). Mit Karnevalsliedern von Kapverden könnte man mehrere CDs füllen. Jedes Jahr kommen neue Kompositionen hinzu, denn mit ihnen treten die Karnevalsgruppen bei der großen Parade am Veilchendienstag alljährlich zum Wettbewerb gegeneinander an. Je zwei Lieder studieren die rund 30 Instrumentalisten und 30 singenden Tänzerinnen einer Gruppe zu diesem Anlass ein. Bewertet werden die Gruppen, deren Mitglieder zwischen zehn und 35 Jahre alt sind, sowohl nach Musik und Tanz als auch nach ihren Kostümen und der Gestaltung des Umzugswagens, auf dem sich der königliche Hofstaat der jeweiligen Gruppe präsentiert.

Carnaval de São VicenteOft bezieht sich die Aufmachung der Karnevalswagen auf die Landesgeschichte. Die Gruppe der „Africanos“ spielt z.B. auf die Zeit an, als die Kapverden als Zwischenstation für afrikanische Sklaven genutzt wurden. Ein chinesisch gestalteter Wagen mit Buddha-Figur und chinesischem Tempel zeugt nicht nur von der persönlichen Vorliebe des künstlerischen Gruppenleiters für orientalische Kultur, sondern ist als Danksagung an China zu verstehen. Die Chinesen halfen den Kapverdianern beim Kampf um die Unabhängigkeit ihres Landes und stifteten im Jahr 2000 der Hauptstadt Praia noch eine Statue des kapverdianischen Freiheitskämpfers Amilcar Cabral.

Federpracht aus Staubwedeln

Ob Baströckchen oder paillettenverzierte Kleider und Kopfschmuck mit bunter Federpracht – die Kostüme der Karnevalisten sind alle handgearbeitet. Wo Material fehlt, wird sich pfiffig beholfen. Für ein imposantes Gewand muss auch schon einmal ein Staubwedel seine bunten Federn lassen, Not macht erfinderisch. Es ist erstaunlich, wie die Kapverdianer es schaffen, trotz finanzieller Misere Festliches zu kreieren. Vlú berichtet: „Gestern sprach ich mit einer Frau, die wirklich arm ist, aber drei ihrer Töchter für den Karneval einkleidet. Es macht ihnen einfach große Freude. Deshalb: Wenn ich ein Lied komponiere, tu' ich es auch für sie. Ich weiß, dass ich sie damit von Herzen glücklich mache. Ich werde nicht bezahlt für die Songs und wurde nie bezahlt dafür. Ich komponiere sie mit großem Vergnügen.“


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Mehr über die Kapverden
im Folker! 2/2003