backMultikulturelle Gipfelwanderung

Tien-Shan-Schweiz-Express

Starke Band(e) zwischen Oberton und Jodeln

go! www.blankomusik.de
www.does-it-matter-horn.ch
www.berge2002.ch
go! www.revey.com
go! www.yalla.de
Discographie

Tien-Shan-Schweiz-Express:
„Live am Paleo Festival Nyon“ (Blanko/Virgin, 2002)

Zabine:
„Transalpin“ (Blanko/Virgin, 2001)
„Gschmeidig“ (Blanko/Virgin, 2003)

Laurence Revey:
„Le Creux des Fées“ (muve, 1999/2002,
erhältlich in der Schweiz und in Frankreich)

Tien-Shan-Schweiz-Express unterwegs:

14.06.03 CH-Liestal, ¿wo? tbc
16.06.03 Bonn, Brotfabrik
17.06.03 Hagen, Offene Lutherkirche
18.06.03 Köln, Domforum
19.06.03 Wuppertal, Thomaskirche
20.06.03 Dortmund, Keuninghaus
22.06.03 Düsseldorf, Jazz Schmiede
24.06.03 Aachen, Klangbrücke
10.-12.07.03 CH-Lugano, ¿wo?

Als die UNO 2002 zum „Jahr der Berge“ erklärte, ahnte niemand, welche Auswirkungen das auf die Musikszene der alpinen Regionen haben könnte. Besonders die Schweiz tat sich in einer Vielzahl von Events mit klingender Reverenz gegenüber ihrem Gebirge hervor – von der Strauss'schen Alpensinfonie bis zu experimentellen Konzerten auf Gesteins-Instrumenten reichte die Palette. Als nachhaltigstes Projekt des Bergjahres darf jedoch ein transmontales Spektakel von 25 Musikern gelten, das zum Renner auf den eidgenössischen Festivals wurde und in diesem Sommer sowohl auf Europa- als auch Asien-Tournee gehen wird – der Tien-Shan-Schweiz-Express.

Von Stefan Franzen

„Als ich von der DEZA (Direktion für Zusammenarbeit und Entwicklung, Anm. d.Verf.) die Anfrage bekam, ob ich als musikalischer Leiter ein Ensemble von Musikern aus der Schweiz und Zentralasien betreuen möchte, habe ich sofort angenommen“, erklärt Heiri Känzig, Jazzbassist und Dozent am Luzerner Konservatorium. „Die DEZA engagiert sich momentan sehr in diesen asiatischen Ländern und pumpt viel Geld in dortige Projekte. Auf diesem Hintergrund erklärt sich die musikalische Vorgabe, die man mir gab.“ Känzig ist prädestiniert für eine solche multikulturelle Großbaustelle, der man – nach einem großen asiatischen Gebirgszug – den Namen Tien-Shan-Schweiz-Express gab. Als einer der wenigen Schweizer Musiker, die auch auf amerikanischen Labels zu hören sind, ist er vielen bekannt durchs Vienna Art Orchestra, hat aber daneben von der Jazzchanteuse Betty Carter über Andreas Vollenweider bis hin zu Nena überall seine bassigen Spuren hinterlassen und verfügt über hoch gepriesene pädagogische Fähigkeiten. Die hat er auch gebraucht, denn Talente aus mongolischer Neo-Klassik, chakassischer sowie kirgisischer Tradition zu bündeln, um sie binnen einer Woche Probezeit mit Alpinem schlüssig zu kombinieren, das bedarf schon einiger Integrationskraft. Dazu stellte Känzig den Asiaten ein Nationales Bergorchester zur Seite: „Die Musiker in diesem NBO kenne ich alle schon lange, trotzdem spielen sie hier teilweise erstmals zusammen. Manche von ihnen kommen von der traditionellen Musik, aber es sind auch Jazzer dabei, die sich schon immer mit der Tradition beschäftigt haben, da gibt es aus meiner Sicht sowieso keine genaue Trennung“, erläutert der musical director und verweist auf den experimentellen Alphornisten Hans Kennel, der genauso mit von der Partie ist wie die vom Trio Avodah bekannte Akkordeonistin Patricia Draeger. „Wir waren uns völlig unsicher, was passieren würde, wenn so unterschiedliche Mentalitäten aufeinander treffen, aber das Teamwork klappte wunderbar. Es waren zwar Dolmetscher im Probenraum dabei, die das Notwendigste übersetzt haben, also die groben Abläufe der Stücke erläutert haben, aber letztendlich haben wir uns rein über die Musik verständigt.“ Känzig strahlt bei der Erinnerung. „Ich habe Glück gehabt, dass ich auf überhaupt keine Traditionalisten getroffen bin, was die Bearbeitung ihrer Lieder angeht, waren sie alle sehr offen.“ „Sie“, das sind die hierzulande schon bekannten Egschiglen (s. Folker! 3/2002) aus der Mongolei, mittlerweile in Franken beheimatet; mit ihrer zeitgenössischen Aufarbeitung von Klassik und Folklore haben sie etwas Einzigartiges geschaffen. Ferner kommt das Trio Sabiljar aus der sibirischen Republik Chakassien hinzu und die drei kirgisischen Musiker Kenje, Nurlanbek und Rathabek – sie vermitteln mit kehlig-virtuosem Gesang, Langhalslauten und Flöten einen lebendigen Eindruck der zentralasiatischen Nomadenkultur.

Kuhschreie und Lieder über das Yak-Rind

„Das Alphorn und der Kehlkopfgesang beruhen ja auf den gleichen Naturtönen“, erläutert Känzig, „von daher war hier schon mal eine Grundverständigung gegeben. Und es ist spannend, die ungeheuer feinen Harmonien der Kirgisen mit unserem Jodeln zu vergleichen. In einem Fall haben wir einen unserer Hirtenrufe mit einem ihrer Lieder über ein Yak-Rind kombiniert. Allerdings unbewusst, was hinter dem Lied steckt, haben wir erst später erfahren.“ Mittlerweile rutscht Känzig nervös auf dem Stuhl im Foyer des Zürcher Clubs „Moods“ herum, denn er wartet auf seinen Auftritt. „Nicht zuletzt wegen der Optik auf der Bühne kommt unsere Show auch bei einem Pop-Publikum an“, beantwortet er noch rasch die Frage nach den Zuschauerreaktionen und ist schon weg, um den ersten Teil des Abends zu moderieren. Die Optik, sie ist farbenprächtig präsent in dieser Eingangssequenz namens „Morgenrot“, in der sich die drei östlichen Programmpunkte zunächst mit ihrer Tradition vorstellen. Bunte Gewänder, exzentrisch anmutender Kopfschmuck mit Federboas, Pferdegeigen, Lauten und Obertongesang – langweilig wird es nie. Das Nationale Bergorchester erklimmt mit „Alpenglühn“ anschließend die Bühne: lupfiges Akkordeon, funky Bass, verschmitzter Büchel und Alphorn swingen in einer Alpenmusik ohne Klischees, bevor man sich dann zum Höhepunkt der spannenden Darbietung mit den Asiaten zu einem transkontinentalen „Gipfeltreffen“ vereinigt.

TIEN-SHAN-SCHWEIZ-EXPRESS
Live am Paleo-Festival Nyon 2002
(Blanko Musik/Virgin 812843-2)
19 Tracks, 66:29; mit Infos

Das Paleo in Nyon hat nicht gerade ausschließlichen Folk-Charakter – wer dort reüssieren will, muss ein Rock- und Pop-Publikum auf seine Seite bringen. Die alpin-asiatische Bigband hat das mit Bravour gemeistert, wie der Live-Mitschnitt dokumentiert. In nur einer Woche Probezeit erarbeiteten die Musiker aus der Schweiz und Tirol (das sogenannte Nationale Bergorchester), der Mongolei, Chakassien und Kirgistan unter der Leitung des rührigen Bassisten Heiri Känzig ein Programm, das mühelos und überzeugend zwischen zentralasiatischen Kehlkopf-Nummern und Flötentönen sowie eidgenössischen Jodelklassikern wie dem „Appezöller“ oder dem „Lieben Bueb vom Emmital“ hin- und herzappt. Letztere sind dabei teils mit funkigem Gebläse um den experimentellen Alphornisten Hans Kennel aufbereitet worden. Geradezu rührend das Duett von der Ex-Goiserner Zabine mit ihrer kirgisischen Kollegin Kinjegul Kuvatovo in „Kuahsuocha/Kyölyp Turam“. Eine weitere starke Bergfrau bezaubert im melancholischen „Antan“, es ist die Walliser Vokalkünstlerin Laurence Revey, die einen stimmigen Gegenakzent zur extrovertierten Zabine setzt. Und die Asiaten? Neben der hinlänglich bekannten Demonstration von Obertongesang und Maultrommel-Einlagen gibt das Trio Sabjilar mit „Kaharagy“ einen intimen und reduziert instrumentierten Einblick in die sibirische Klangwelt Chakassiens. Egschiglen aus der Mongolei bauen in „Hartai Sarlag“ eine subtile Dramatik auf, die von freejazziger Trompete aufgegriffen wird. Und am schönsten funktioniert die Reise zwischen Innerasien und Alpen im „Kashuffle“, wo über einem rockenden Langhalslauten-Riff die Hirtenbefindlichkeiten verschiedener Kontinente verschmelzen. Da verzeiht man auch kleine Tempo-Holperer und Ausrutscher in der Jodelakrobatik.

Stefan Franzen

 

TIEN-SHAN-SCHWEIZ-EXPRESS - Live am Paleo-Festival Nyon 2002


zurück


Home


vor


!!!

Folker! - ...und immer noch: über 40% sparen beim Folker!-Schnupperabo!
Also auf zur von-uns-für-euch-Schnupper-Abo-Test-Bestellung!

Mehr über den
Tien-Shan-Schweiz-Express
im Folker! 2/2003