backImmer auf der Suche nach neuen Horizonten

Kol Simcha alias The World Quintet

Klezmer zwischen Tradition und Weltmusik?

www.kolsimcha.com
E-Mail info@voice-of-joy.com
go! Entwicklungsgeschichte
der Klezmermusik

Von Matti Goldschmidt
Discographie:

Kol Simcha
„Kol Simcha“ (Aurophon (LP, vergriffen, 1986)
„Traditional Jewish Music“ (Eigenverlag, 1990)
„Contemporary Klezmer“ (Eigenverlag, 1993)
„Crazy Freilach“ (Eigenverlag, 1996)
„Symphonic Klezmer“ (Eigenverlag,1996)
„Gripsholm“ (Soundtrack, Voice of Joy, 2000)

The World Quintet
„The World Quintet“ (Enja, 2003)

Schlicht The World Quintet nennt sich eine Gruppe, deren Geschichte vor über 15 Jahren in Basel begonnen hat – unter dem Namen „Die Stimme der Freude“, auf Hebräisch Kol Simcha. Damals wird der Grundstein zu einer kleinen Erfolgsgeschichte gelegt: Eine Marktlücke soll die musikalische und wirtschaftliche Existenz von fünf Musikern bilden:Jüdische Hochzeiten, auf denen man die Gäste mit traditionell jüdischer Musik erfreuen will. Sicher muss man erst eine typisch jüdische Hochzeit mit ihren Hunderten von Gästen erlebt haben, um den zentralen Charakter von Musik und Tanz zur Feier eines der wichtigsten Ereignisse im Leben eines Juden verstehen zu können. Und man legt sich also nicht ganz so zufällig den Namen Kol Simcha zu, denn: So steht es gleich vier Mal in der Bibel, u.a. bei Jeremias 33:11: „ ... wird man dennoch wieder hören, den Jubel der Freude und Wonne, die Stimme des Bräutigams und der Braut ... ”. Gäbe es für eine jüdische Hochzeitsband einen passenderen Namen?

Von Matti Goldschmidt

Dabei sind die musikalischen Anfänge von den Gründungsmitgliedern mitnichten in der jüdischen Musik zu suchen. Ein Aufenthalt von rund drei Jahren in den USA wird von David Klein, dem Schlagzeuger und Mitbegründer der Gruppe, genutzt, um sich durch viel Unterricht und noch mehr Autodidaktik dem Schlagzeug zu widmen. Mit seinen langjährigen Freunden Olivier The World QuintettTruan am Piano und Niki Reiser an der Flöte hatte Klein bereits in einer Schülerband gespielt. Nun aber teilt man sich ein Zimmer und spielt sich mit weiteren lokalen Musikern durch die Nachtlokale Neuenglands. Dabei handelt es sich definitiv nicht um Klezmermusik; das ist zu der Zeit, Anfang der 80er Jahre, noch etwas nahezu Unbekanntes! Nein, man spielt Jazz – und das amerikanische Szenepublikum ist begeistert von den Schweizer Musikern.

Auf einem Heimaturlaub in Basel trifft David Klein schließlich Josef Bollag, den späteren langjährigen „personal manager“ der Gruppe. Bollag (Gesang) macht Klein den Vorschlag, gemeinsam ein Ensemble zu gründen, um auf jüdischen Hochzeiten „Musik zu machen“. Man hört sich in der einschlägigen jüdischen Schweizer Musikszene um, notiert sich Lieder, sammelt alte traditionelle Weisen. Und man holt sich weitere Musiker in die Band, deren Besetzung ganze zwölf Jahre halten soll: Neben den bereits genannten Niki Reiser und Olivier Truan letztendlich Michael Heitzler (Klarinette) sowie Daniel Fricker (Kontrabass). Ein erstes Album mit Hochzeitsmusik erscheint bereits 1986, nur als LP gepresst und heute als begehrtes Sammlerobjekt längst vergriffen. Klein beschreibt die Musik dieses Albums eher als selbst komponierten „israelischen Pop“ denn als Hochzeits- oder gar Klezmermusik, Hauptsache, die Leute, also die Hochzeitsgäste, sind glücklich!

Von der Hochzeitsmusik zum „Weg-von-der-Tradition“-Stil

Das vier Jahre später erscheinende zweite Album „Traditional Jewish Music“ erinnert bereits wesentlich mehr an die für deutsche Ohren „typische“ Klezmermusik. David Klein beharrt allerdings darauf, dass man eigentlich gar keinen Klezmer spiele: Denn wo gäbe es eine Gruppe mit einer eindeutigen Jazzrhythmussektion von Schlagwerk, Kontrabass und Klavier, die, ergänzt durch zwei Bläser, ausgerechnet Klezmer spiele? Klingen tun die Stücke aus dieser Zeit jedoch trotzdem traditionell, sowohl die wirklich traditionellen wie auch die neukomponierten. Und nicht nur die Altmeister des Klezmer wie Naftule Brandwein (1884-1963) oder Dave Tarras (1897-1989) stehen Pate, auch zeitgenössische israelische Komponisten wie Dov Seltzer, Yair Rosenblum oder Avi Toledano sind Teil des damaligen Repertoires.


Die Besondere - Klezmer

THE WORLD QUINTET
The World Quintet (Feat. The London Mozart Players And Herbert Grönemeyer)
(Enja TIP – 888843 2)
11 Tracks; 58:46; mit Texten

Sechs Jahre haben die Fans progressiver Klezmermusik auf ein neues Album der Gruppe Kol Simcha warten müssen – nur um endlich mit einem neuen Gruppennamen (und z.T. neuer Besetzung) überrascht zu werden. Vorbei sind die Zeiten, als relativ junge zeitgenössische Kompositionen mit „trad.“ bezeichnet wurden (so eine 1982 erschienene Komposition des Israelis Avi Toledono im 1990 veröffentlichten „Hora-Medley“) oder das in Volkstanzkreisen allgemein bekannte griechische „Mizerlou“ einfach „Oriental-Song“ genannt wurde. Heute präsentiert man sich so souverän, dass das vorliegende Album – wie schon „Crazy Freilach“ – nurmehr aus Eigenkompositionen besteht; der Großteil davon, nämlich sieben Titel, stammt dabei vom Pianisten Olivier Truan. So ist also nicht nur insofern eine Namensänderung berechtigt, denn nachdem sich die Gruppe über die Jahre in diverse neue und vor allem unterschiedliche Musikstile vorgewagt hatte, erschien das jüdische Etikett einfach nicht mehr adäquat.

Trotz allem: das Album beginnt mit zwei Klezmerstücken im geschätzten „Kol-Simcha-Sound“ (ist dieser Ausdruck noch erlaubt?), darunter der „Flatbush Minyan Bulgar“ des Klarinettisten Michael Heitzler als Neuaufnahme (Ersteinspielung 1996). Als absolute Überraschung entpuppt sich das nachfolgende Stück „Trauer“: Zum einen handelt es sich hier interessanterweise um eine Komposition des Schlagzeugers David Klein, wobei in der musikalischen Umsetzung das Schlagzeug gar nicht eingesetzt wird. Zum anderen ist das Lied vokalisiert, ein Novum im Repertoire der Gruppe, seit Josef Bollag, der sich die letzten 14 Jahre dem Management der Gruppe widmet, dieselbe verließ. Als neuer Sänger ließ sich niemand anders als der „unvergleichliche“ (CD-Cover) Herbert Grönemeyer vereinnahmen, der die traurig-schweren Worte mit viel Engagement quasi „übersetzt“. Leider gibt das CD-Booklet keine Auskunft über Selma Meerbaum-Eisinger, die Autorin des Liedtextes. Die 1924 im damals rumänischen, heute ukrainischen Czernowitz geborene Dichterin starb im Alter von nur 18 Jahren im SS-Arbeitslager Michajlovka (Ukraine) und hinterließ in deutscher Sprache 57 Gedichte.

Bei insgesamt vier Stücken wirken einfühlsam und mitunter temperamentvoll (so in Truans „Intermezzo no. 1“) die London Mozart Players (Dirigent: David Angus) mit. Jedoch auch hier bleibt der wissbegierte Zuhörer uninformiert: Keine Notiz darüber, wer diese Players tatsächlich sind, noch werden die Instrumente oder gar Namen der Musiker erwähnt. Das nachfolgende Stück ist eine auf den Flötenvirtuosen Ariel Zuckermann zugeschnittene „Wedding Suite“ (wieso eigentlich nicht „Hochzeitssuite“?). „Naphtule Is Having a Bad Day“ ist wohl eine Anspielung auf den im galizischen Przymysl geborenen Naftule Brandwein (1884-1963), aber legt man die Musik des Weltquintetts zugrunde, kann der Tag nicht so schlecht gewesen, denn auch hier kommen Klarinette, Flöte sowie der Kontrabass von Daniel Fricker voll auf ihre Kosten.

Es ist erstaunlich, den Weg dieser Gruppe von ihren Anfängen bis heute zu verfolgen. Nach wie vor begeistert die Musik das Publikum, anfänglich eher die Teilnehmer jüdischer Hochzeitsfeiern, jetzt aber auch ein breites Publikumsspektrum. Jazz, Klezmer, Weltmusik, ein bisschen Klassik – alles in einem Album, das übrigens zum Teil im Londoner Abbey Road Studio aufgenommen ist; bei dem Namen alleine leuchten dem Rezensenten bereits die Augen!

Matti Goldschmidt

 
The World Quintet

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Mehr über Kol Simcha
im Folker! 1/2003