back„You should leave words alone unless you've something to say“

Bert Jansch

Schüchtern und nüchtern zurück in die Zukunft

Mit unkonventionellem Gitarren-Fingerpicking und einer samtenen, gern etwas zu tief intonierten Stimme katapultierte sich Bert Jansch als siebzehnjähriger Autodidakt in die vorderste Reihe des britischen Folk- und Blues-Revivals. Seine Mischung aus Barock, Folk und Blues war beeinflusst von Big Bill Broonzy, Brownie McGhee und Open-Tuning-Erfinder Davy Graham. Ein paar Jahre später prägte dieses Amalgam maßgeblich den Sound des „Swinging London“ und wirkte stilbildend auf Musiker wie Dick Gaughan, Neil Young, Paul Simon oder Jimmy Page. 2001 bekam der 1943 in Glasgow geborene Singer/Songwriter den BBC Radio 2 Folk „Lifetime Achievement Award“ – eine überfällige Geste, die nach Janschs Alkohol-Entziehungskur in die Brise seines zweiten solistischen Frühlings fällt. „Edge Of A Dream“ heißt sein neues 22. Album. Von seinem Londoner Heimstudio aus hat er darüber heiter, aber wortkarg Auskunft gegeben.

Von Elise Schirrmacher

go! www.bertjansch.com
Discographie:
(Auswahl)
It Don't Bother Me (Castle/Sanctuary/Zomba, 1965)
Jack Orion (Castle/Sanctuary/Zomba, 1966)
Bert and John (Castle/Sanctuary/Zomba,
  1966, mit J. Renbourn)
Birthday Blues (Castle/Sanctuary/Zomba, 1969)
Rosemary Lane” (Castle/Sanctuary/Zomba, 1971)
Crimson Moon (Sanctuary/Zomba, 2000)
Edge Of A Dream (Sanctuary/Zomba, 2002)
Bibliographie:
Colin Harper: Dazzling Stranger. Bert Jansch
  And The British Folk- And Blues Revival.
  Bloomsbury, 2000.
Tourkontakt:
E-Mail maren.kumpe@sanctuarygroup.com

Nein, er sei kein schillernder Außenseiter, lacht es verhalten durch die Leitung. Und er hätte seine 2000 erschienene Biographie „Dazzling Stranger“ auch nicht selber so betitelt. Aber es sei ja nicht sein Buch, sondern das von Colin Harper und trotzdem ganz ausgezeichnet. Stimmt. Es wimmelt von Stimmen zu einer Person, die lieber schweigt und jeden Bert JanschAnflug von Sentimentalität in schlichte, treffsichere Liedtexte verwandelt; Songs wie „Courting Blues“ z.B., Janschs frühestes Lied, das er den grünen Augen seiner ersten Liebe Liz Cruickshank gewidmet hat. Das war 1960 in Edinburgh, als das amerikanische Folk-Revival erste Schatten auf Schottland warf. Hamish Henderson und Calum MacLean archivierten Songs, Ceilidhs (traditionelle Tanzveranstaltungen) sprossen wie Pilze aus dem Boden und die School of Scottish Studies öffnete ihre Tore. Working-Class-Jansch, der eigentlich Gemüsegärtner werden sollte, wohnte dieser Tage sechs Monate lang im Nachtcafé „The Howff“. Umhüllt von der Aura eines ungemachten Betts (so Liz' Schwester Maggie Cruickshank) zupfte er ununterbrochen auf einer geliehenen Gitarre und bobachtete aus nächster Nähe sein Idol Brownie McGhee.

Swinging Soho

Am meisten bedeuten dem heutigen Jansch die Swinging-London-„Soho“-Jahre zwischen 1963 und 1967: seine ersten Auftritte mit der Folksängerin Anne Briggs, sein kometenhafter Aufstieg ins „Soho-Solisten-Dreigestirn“ (Davy Graham, John Renbourne, Bert Jansch), der Kurztrip nach Marokko, der in einer teuren Zwangs-Repatriierung durch ein Schiff der britischen Botschaft endet, die Entstehung seines Debütalbums 1965 in der Küche des Produzenten Bill Leader, das House-Sharing mit dem Gitarristen John Renbourne in der Somali-Road ...

„Oh ja, ich bin extrem schüchtern. Ich bin
nicht gemacht für die Öffentlichkeit, es sei
denn, ich spiele. Inzwischen tour' ich aber
nicht mehr so viel. Ich habe das fast völlig
zurückgedreht. Das Auftreten selber macht
mir nichts aus, aber das Dahinkommen. Ich
bin mein Leben lang herumgereist, und die
Leute denken immer, das sei romantisch.
Aber heutzutage heißt das vor allem, in
Flugzeuge steigen, die dann
in Hochhäuser fliegen.“

Auch die Anfangszeit der Folk-Jazz-Crossover-Band Pentangle (Jacqui McShee, Bert Jansch, John Renbourn, Terry Cox, Danny Thompson), die als erfolgreichste Akustikband der späten Sechziger und frühen Siebziger durch die Welt tourte, zählt Jansch mit zur schönsten seines Lebens. Obwohl seine Gitarrenparts bei Pentangle oft in den Hintergrund gemischt werden – „Das hat mich damals ganz schön gestört.“ – , gilt Jansch als Jimi Hendrix der Akustikgitarre und, was sein Songwriting angeht, als britische Antwort auf Bob Dylan. „I'm in it for the beer“ antwortet er Journalisten und befördert sturzbetrunken in einem Hotellift ein Tablett mit dreißig Bieren, die niemals ihr Ziel erreichen.

Bert Jansch„Meister eines Stils, der ihn vielleicht nicht überleben wird“

Als sich Pentangle 1973 auflösen, ist das kreativste und latent unterforderte Mitglied dieser Formation Vater von zwei Kindern und sieben Soloalben, darunter sein berühmtestes: „Rosemary Lane“ von 1971 – ein akustisches Tagebuch, dessen Einträge erst viel später den Weg auf die Konzertbühnen finden. Dennoch ist Jansch nicht der Mann, der jammert. Mit seiner ersten Frau Heather zieht er sich für ein Jahr aufs Land zurück, gärtnert, komponiert und trinkt. Dann begibt er sich in jeder Hinsicht wieder auf Solopfade, nimmt zwei Alben in Kalifornien auf und konterkariert sein vorübergehend schwächer werdendes Gitarrenspiel mit sehr persönlichen Texten. Im Melody Maker schreibt Michael Watts: „Er ist Meister eines Stils, der ihn vielleicht nicht überleben wird. Er hat eine vorsichtige Art zu sprechen, die er, wenn er sich sicher fühlt, mit einem kurzen, scharfen Lachen pointiert – und ja, er gibt zu, dass er vor Menschen Angst hat, und es dauert, bis er Leute akzeptiert.“


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im Folker! 1/2003