backLänderschwerpunkt beim TFF Rudolstadt 2002

Optimismus, Weizen und Rote Beete

Polens Folklore zwischen sozialistischer Massenkultur, Gegenbewegung und Popkommerz

Nach dem 2. Weltkrieg kam Polen in die sowjetische Einflusssphäre. Ab 1949 bedeutete das: Der "Sozialistische Realismus" sollte in der Kultur die Antwort auf den verpönten westlichen "Formalismus" sein. Der offizielle Musikstil sollte aus dem Reichtum der dörflichen Tradition und der städtischen Folklore schöpfen. Die Musik hatte optimistisch zu sein und sollte "vokal" oder "vokal-instrumental" beschaffen sein. Jeder verstand, warum: damit der Zensor mitbekommt, worum es in einem Werk geht. Getreu dieser Devise entstanden in den 50er Jahren staatlich geförderte folkloristische Ensembles: große Moloche des Singens und Tanzens als Repräsentier-Ensembles mit riesigen Orchestern. Diese Ensembles wie Sla,sk und Mazowsze wurden durch ausgesprochene Verehrer der Volksmusik gegründet, hatten jedoch mit dörflicher Authentizität wenig gemeinsam. Viele Oppositionelle lehnten deshalb die derart verunstaltete "Staats-Folkkultur" ab und suchten inneren Halt in der Gegenkultur.

Von Wojtek Ossowski und Hermann Schmidtendorf

In den 50er und 60er Jahren war Inbegriff der heimlichen Gegenkultur der amerikanische Jazz. Der Bebop passte wenig in das Propagandabild eines Polens aus Optimismus, Weizen und Roter Beete. In den 70er Jahren übernahm diese Rolle der britische Rock, anfänglich Big Beat genannt. Dabei hatte die britische Folkrock-Welle im Gefolge von Fairport Convention einen wichtigen Einfluss. 1968 weilte nämlich mit einem Stipendium die junge schlesische Komponistin Katarzyna Gaertner an der Themse. Nach ihrer Rückkehr hatte auch Polen seine "Fairporter". Sie nannten sich Skaldowie - Die Skalden. Schon damals war es vor allem die Bergfolklore, die sich in die Rockrhythmen einmischte. Die Skalden wandten sich an die Intelligenz. Sie arbeiteten mit großen Lieddichtern wie Osiecka und Mlynarski.

Dann kam Mitte der 70er Jahre Skiffle in Mode. Eine volkstümliche Strömung im Folk der 70er Jahre, die aus der Tradition des sozialistisch-realistischen Trinkliedes oder Festtagslieds hervorging, war in diesem Zusammenhang das Schaffen der Trubadurzy - Troubadoure - und von Maryla Rodowicz. Sie sangen auf großen Festen Lieder für die Massen, gerichtet an die führende Kraft des Volkes, optimistisch und "fölkelnd".

So entstand aus dem durch die Kommunisten beschlagnahmten Folk der Folk der Gegenkultur mit Ela Mielczarek, Rysiek Orlowski, kurz gesagt dem Poznaner Folk-Blues-Meeting der 70er Jahre. Diese unabhängige Bewegung hatte sogar eine solide Rückendeckung im 3. Programm des Staatsradios. Inzwischen bildete sich in Krakau die Avantgarde der unabhängigen Folker, Osjan. Eine Gruppe, die sich als eine der ersten an der Stilistik der Weltmusik orientierte. Doch nicht nur das: Die Rituale, welche die Gruppe schuf, das Brechen des Brotes während des Konzerts, das Leben in einer farbenprächtigen künstlerischen Kommune ... alles das machte Osjan zur Legende. Durch die Kraft der Imagination und das Gefühl der geistigen Gemeinschaft führte der Folk seine Anhänger auch ohne Reisepässe aus den Begrenztheiten des Staatssystems.


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im Folker! 4/2002