backDie besondere CD

Wie in jedem Folker gibt es auch diesmal wieder vier CDs, die aus der Masse herausragen:

Russland DIVERSE --> Russian Gipsy Soul
Finnland ALAMAAILMAN VASARAT --> Vasaraasia
Celtic THOMAS LOEFKE & NORLAND WIND --> Atlantic Driftwood - harp music & song from the celtic northwest
Österreich CITOLLER TANZGEIGER --> Am Tanzboden belauscht


Die Besondere - Russland

Diverse - Russian Gipsy SoulDIVERSE

Russian Gipsy Soul

(Network/Zweitasusendeins 36.989)
Do-CD im Hochkant-Buch, 37 Tracks, 143:05, Infos zu Musik und Künstlern

Die Zigeuner in Russland hatten ein besonderes Schicksal. Fühlten sich die schwermütigen Russen schon immer eher hingezogen zu den ungebundenen, bunten Zigeunerstämmen, die seit ewigen Zeiten durch Russland zogen, so erlebten die Zigeuner im 18. Jahrhundert sogar eine richtige Welle der Verklärung und Verehrung. Ein russischer Graf, der in tschechowscher Manier die Weite und die karge Exotik Russlands im Süden besuchte, brachte einen Stamm musizierender Zigeuner an den Hof Zarin Katharinas. Damit löste er eine Mode ungeahnten Ausmaßes aus. Es gab keine beliebtere Musik mehr als die der Zigeuner, Trachten und Sitten wurden nachgeahmt; sie hielten Einzug in Musik, Literatur und Malerei. Die liebe einer Zigeunerin zu erringen, galt als höchst romantisches Schicksal.

Während der Zigeuner-Einfluß in der klassischen russischen Musik durchaus bekannt ist, haben über die starke Prägung der russischen Folkore, ja selbst der Soldaten- und Partisanenlieder, in dieser Zeit wohl nur Musikethnologen Bescheid gewußt. Als nach dem 2. Weltkrieg Stalins Kulturoffiziere den besetzten deutschen Osten mit russischem Liedgut kulturell für sich zu gewinnen suchten, ahnten sie sicher nicht, daß diese Folkloreshows eher eine Hommage an die russischen Zigeuner darstellten.

Network hat auf den beiden CD eine Anthologie moderner russischer Zigeunermusik zusammengestellt. Die Musiker sind ausgesuchte Elitemusiker, deren Leben heute nicht mehr vergleichbar ist mit denen ihrer Vorfahren. Teilweise sind sie schon seßhaft, einige feierten schon internationale Erfolge (Loyko). Doch alle Lieder reichen in ihrer Entwicklung weit zurück und alle werden meisterhaft gespielt. Ob nun Stadtzigeuner, Theatermusiker oder durch Europa ziehende Musiker - sie erfüllen alle Erwartungen, die wir an Zigeunermusik haben: Heißblütigkeit, Romantik, Tanzesfreude, Geigenvirtuosität. Und die 40 Lieder ziehen sich durch alle Themen: Liebe, Trauer, Familiengeschichten, ja und natürlich Freiheit!

Vielleicht gibt es auf der CD 2 einige Stücke, die schon etwas speziellere Anforderungen an den Hörer stellen. Insgesamt jedoch strahlt diese Zusammenstellung weit über den Dunstkreis der Welt- und Folkmusik hinaus und hat das Zeug zu einer "Perle im Plattenschrank". Eine Perle auch optisch, denn für die Gestaltung läßt sich das gesamte obige Loblied wiederholen.

Jürgen Brehme


Die Besondere - Finnland

ALAMAAILMAN VASARAT - VasaraasiaALAMAAILMAN VASARAT

„Vasaraasia“

(Laskeuma Records)
13 Tracks; 51:46

Um in Finnland eine Platte veröffentlichen zu können, scheint man wohl erst mal ein Label gründen zu müssen, denn auch die Herren dieser Band sind gleichzeitig ihre eigenen Macher. Und, dies kann ich auch gleich noch vorweg schicken, sie sind ein echter Knaller. Die Schublade, in die man diese Band pressen wollte, müßte man schon mit dem Vorschlaghammer zuschlagen.

Stellen wir uns vor, eine Brassband legt einen ordentlichen Zacken zu, driftet etwas in Richtung Ska, hat keine Berührungsängste zu metallischen und punkigen Klängen (ganz und gar ohne Gitarren, allerdings!) und hat mit Herren Apocalyptica, wie bereits der Opener verdeutlicht, schon mal eine Nacht durchgezecht. Damit haben wir uns dem, was Alamaailman (in der Übersetzung in etwa die Unterwelt-Hammer) machen, immer noch nicht ganz genähert. Sie scheuen sich nämlich ebenso wenig, jazzige, klezmerähnliche und psychedelische Elemente zu verbraten. Als „ethnic brass punk“ versuchen sie das, was sie tun, selbst zu beschreiben.

Ihre rein instrumentale Musik, die zwischenzeitlich sogar in die Top 20 der World Music Charts einstieg, muß auf Konzerten zu unentwegtem Stagediving animieren, was im Weltmusik-Metier wohl nicht so häufig vorkommt. Die Band gründete sich 1997 aus zwei Mitgliedern der Anvantgarde-Rock-Band Höyry-kone, Sopran-Saxophonist Jarno Sarkulaum wollte endlich mal ausgiebig mit seinem Instrument experimentieren können, was bei Höyry-kone zu kurz kam. Später gesellten sich Drummer Teemu Hänninen, Cellist Marko Manninen, der Mann an Trompete und Didgeridoo, Erno Haukkala, sowie Akkordeon- und Pianospieler Miikka Huttunen hinzu. "Vasaraasia" ist ein unglaublich grooviges und witzig experimentelles Feuerwerk des finnischen Undergrounds. Schräg, schrill und meine wärmste Empfehlung für den Sommer!!! Exzellent!

Claudia Frenzel


Die Besondere - Celtic

THOMAS LOEFKE & NORLAND WINDTHOMAS LOEFKE & NORLAND WIND

Atlantic Driftwood - harp music & song from the celtic northwest

16 Tracks; 54:55, mit Texten ir./eng. und Infos

Wüsste man nicht, dass die Band Norland Wind heißt und an vorderster Front Musiker aus Deutschland zu stehen hat, so würde man glatt meinen, einem neuen, ein wenig eigen klingenden Werk der legendären Clannad zu lauschen. Was aber andererseits auch kein Wunder ist, da immerhin mit den Gebrüdern Noel und Pádraig Duggan sowie Ian Melrose drei Mitglieder des Clans am Werke sind; dazu kamen dann auch noch Máire Breatnach und Finbar Furey. Das eigentliche Wunder, aber das wissen wir ja längst, sind der Harfenist Thomas Loefke und die Gitarristin und Sängerin Kerstin Blodig, die irische Musik darbieten, als hätten sie sie mit der Muttermilch eingesogen. Loefke gehört eher zur sanftmütigen Fraktion der Harfenisten und Blodig arbeitet viel mit spärischen Gesangssätzen, was sich beides dann auch gut mit den musikalischen Vorstellungen der Clannad-Fraktion trifft. Bemerkenswert - weil ich damit eher zu tun habe als mit Harfen - ist Blodigs Stimme, die sich mit den besten irischen Sängerinnen messen kann (und auch dadurch an Clannad denken lässt), mal abgesehen davon, dass sie sich dank intensiver Studien mühelos im Englischen und in keltischen Sprachen bewegt. Selbst ein Lied wie "Óró, sé do bheatha 'bhaile" (der Sänger bleibt leider ungenannt), das mir in vielen tausend marschierenden Versionen zu den Ohren heraushängt, wurde erstaunlich passend integriert, und „Let Your Arrow Fly“, das Lied für den Verband der deutschen Bogenschützen hat Ohrwurmqualitäten, ebenso wie der Waulking Song in (schottischem) Gälisch, der haargenau wie ein solcher klingt, aber eine Blodig-Komposition ist. Insgesamt ein stimmungsvolles Album, das sich wie Treibholz mal sanft wiegen lässt und dann wieder angeregt auf den Wellen swingt.

Kerstin Braun


Die Besondere - Österreich

CITOLLER TANZGEIGERCITOLLER TANZGEIGER

Am Tanzboden belauscht

(Eigenverlag CD 23456)
25 Tracks; 70:35; mit ausführlicher Dokumentation

Authentische Volksmusik – gibt es die? Im Nachbarland Österreich, genauer gesagt in der Steiermark, gibt zumindest Volksmusik im Kontext mit Gebrauch, Brauchtum. Wobei Hermann Härtel, Geschäftsführer des Steirischen Volksliedarchivs und Mitglied der Citoller Tanzgeiger, in Referaten zum Thema „echte“ Volksmusik darauf hinweist, dass Begriffe wie „authentisch, volksnah und erdig“ lediglich die Unsicherheit im Umgang mit dem Thema kaschieren. Die Tanzgeiger haben dieses Problem offensichtlich nicht. Sie verstehen sich als Musikanten, die das Publikum mehr als sich selbst lieben, ihre Kunst mehr als Handwerk und sich selbst als Erfüllungsgehilfen der Tänzer sehen. Denn: „Was soll die Polka Franzee ohne hupferte Menge?“

Lange haben sie gebraucht, ehe sie einem CD-Mitschnitt zugestimmt haben, da ein solcher eh nicht die Stimmung des Live-Auftrittes wiedergeben kann. Erst als 1998 die Bratschistin und Klarinettistin Helga Schnur die Kapelle verließ, entstand die Tonproduktion in der Absicht, ein Klangbild festzuhalten, das von 1983 bis 1998 neben Helga Schur außerdem von dem bereits erwähnten Hermann Härtel (1. Geige, Posaune, Flügelhorn, Gesang), Hubert Pabi Steirische Harmonika, Gesang) und Ewald Rechberger (Tuba, Gesang) geprägt wurde.

Das 65-seitige, mit vielen Fotos illustrierte Booklet dokumentiert mit ausführlichen Hintergrundinformation die Aufnahmen, die von Pfarrfesten, Schützenfesten, Geburtstagsfeiern, Hochzeitsfesten und Konzerten stammen. Jeweils die beste fand den Weg auf die CD, deren Tracks nicht wie üblich durch Pausen voneinander getrennt sind, sondern wie bei einem Live-Auftritt gesetzt wurden, verbunden durch den Applaus und die Geräuschkulisse des Publikums. Neben den Tanzmusiken stehen Lieder, Jodler und Schlager gleichberechtigt, vom Hochzeitsmarsch über „Marina“, „Die Gitarre und das Meer“ bis zum „Erzherzog-Johann-Jodler“, der als 25 Stück die CD beschließt. Und wenn auch gelegentlich die Musik ungeschliffen, archaisch und gar „schräg“ wirkt: Gerade deshalb macht sie eine Mordsgaudi – „Echt!“

Ulrich Joosten


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