backDas Geheimnis der Holzkiste

Allan Taylor

Audiophiles auch für Folkies

Allan Taylor hat eine funkelnagelneue CD rausgebracht! Das ist in der Folkszene schon ein Ausrufezeichen wert, denn Allan gehört gewiss nicht zu den Künstlern, deren Veröffentlichungspolitik sich nach den Jahreszeiten richtet. Eine CD steht an, wenn die Lieder dafür geschrieben sind. Allan TaylorUnd in Allans Fall ist das erst der Anfang, denn eine lange Zeit war er so angewidert von dem Geschäftsgebaren der Labels, dass er nie wieder für eine Plattenfirma veröffentlichen wollte. Also war das mit Platte oder CD im Eigenverlag nicht so einfach, bis er Günter Pauler traf. Dem gehört zwar das Label Stockfisch, aber er zählt nicht zur Spezies der Abzocker und hat als Produzent und Tontechniker das ‚perfekte Ohr', für den Perfektionisten Taylor ein maßgebliches Argument. Die Zusammenarbeit anlässlich der 1996 herausgegebenen und neu aufgenommenen Retrospektive „Looking For You“ klappte so gut, dass man es mit einer CD mit überwiegend neuem Material versuchen wollte. Die Spannung war groß und dann kam die Nachricht: Die CD heißt „Colour To The Moon“ , ist natürlich fantastisch (siehe Rezension) und weiterhin stand da: „Außerdem erscheint Ende November das Allan Taylor-Collector's Set als Doppel-CD in einem handgefertigten Holz-Case ... wird in einer limitierten Auflage von 333 Stück aufgelegt ... der Preis beträgt 333,-DM zuzügl. Porto. Die Lieferung ...“ WIE BITTE??? Brauche ich eine Brille? Nein, da steht immer noch „... der Preis beträgt 333,- DM ...“ und immer noch zzgl. Porto. Meine erste Reaktion: Wenn das ernst gemeint ist (und es scheint so), dann hat mit Verlaub irgendeiner ganz mächtig eine Schraube locker! So ist das halt, die erste Reaktion ist meist sehr emotional. Nach einiger Zeit formulierten sich sachlichere Fragen wie: Wer hat sich das ausgedacht? Welche Idee steckt dahinter? Kann so was funktionieren? Und gibt es dafür überhaupt eine Entschuldigung?

Von Mike Kamp

ALLAN TAYLOR
Colour To The Moon

(Stockfisch/Zomba RTD 357.6021.2)
12 Tracks, 48:44, mit Texten und Infos

Recherche war angesagt und es bedurfte keiner Watergate-Qualitäten, den Verantwortlichen herauszufinden. Licht aus, Spot an: Günter Pauler! Aha, der Label-Inhaber, also hatte Allan Taylor doch recht mit seinen Vorurteilen! Denkste! Günter Pauler ist die denkbar ungeeignete Besetzung für die Rolle des bösen, zigarrenrauchenden, geldgierigen Plattenboss. Für den Folker! legte er sogar seine Kalkulation offen. Aber der Reihe nach. Die vielleicht wichtigste Verständnisfrage gleich zu Anfang: Wie kommt man auf etwas, was manche spontan erst mal nur als Schnapsidee bezeichnen? Die überraschend nüchterne Antwort: „Letztes Jahr habe ich einen Direktmitschnitt auf Vinyl und CD für die Hifi-Magazine Stereoplay, Audio und Audiophile gemacht. Dabei habe ich erfahren, dass es unter Hifi-Jüngern einen Markt für limitierte Auflagen gibt. Die 2000er Auflage wurde von diesen Zeitschriften in wenigen Wochen verhökert. Der Einstandspreis war DM 180. Heute wird das Werk bereits für über DM 500 verkauft. Da dieses Publikum praktisch keinen Musikgeschmack hat, kam ich auf die Idee, mal einen echten Künstler in diese Kreise zu schmuggeln. Es ist mir übrigens schon einmal gelungen, einen von den ‚unseren' in diese Kreise zu transportieren. Der englische Lautsprecherhersteller Bowers & Wilkens (B&W) hat bis jetzt 4.500 CDs von Steve Strauss abgenommen, die als Referenz in allen Hifi-Studios ausliegen und den Garantiepapieren der Boxen beigelegt werden.“ Kompliment, wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie es um Günters Ohren bestellt ist, das ist er! Aber du erwähntest gewisse Leute ohne Musikgeschmack, da kann die Folker!-Leserschaft doch gar nicht das Zielpublikum für die Edelholz-Box mit den zwei CDs und dem umfangreichen Booklet sein! „Ursprünglich nicht. Die Holzkassette war generell nur für die Audiophilen gedacht und nicht für die hinreichend bekannte Anzahl der üblichen Verdächtigen aus unseren Folk-Kreisen.“ Ich beginne mich für die Idee der Box zu erwärmen. Alleine die Vorstellung, dass damit audiophilen Dumpfbacken via Höchstpreis was richtig Edles zu Ohren gebracht wird, hat was erfrischend Subversives an sich. Moment mal, Günter, sagtest du eben „Ursprünglich nicht“ für Folkies? „Ja, es kam nämlich alles anders. Die zweite CD ‚Behind The Mix' sollte eigentlich nur populäre Titel enthalten, die Allan zwar schon immer mal singen wollte, die aber nicht seriös auf ein offizielles Allan-Taylor-Album passten. Genau das Richtige für die Hifi-Junkies. Plötzlich entwickelte sich jedoch während der Aufnahmen eine ganz andere Stimmung und es kamen eben diese tiefen Erinnerungen an Derroll Adams und Alex Campbell. Deshalb gibt es den Collector's Set nun auch für Folkies.“

Freie Hand für Reminiszenzen

Vielleicht wäre es sinnvoll, nun erst mal die Fakten der ausgesprochen soliden Holz-Box aufzuzählen, die nummeriert ist und Allan Taylors Autogramm plus persönlicher Widmung enthält. Natürlich gibt es ein Beiheft, was sich in Größe, Umfang und Inhalt von dem der normalen Veröffentlichung unterscheidet. Die erste CD der Box ist fast identisch mit „Colour To The Moon“ . Fast, denn es gibt zwei zusätzliche Stücke, was die Spielzeit 7:24 Min. nach oben treibt. Insgesamt sind auf den zwei CDs 2:06:57 Musik und Sprache zu erleben. Allan Taylor„Middle Time“ ist ein älteres Stück, das ich schon mal live gehört hatte und „We Stood As One“ ist eine dieser Taylor-Hymnen, die einem so schnell nicht aus den Ohren gehen. Das ist durchaus ein kleines Juwel! Die zweite CD bestätigt in schon fast beängstigender Offensichtlichkeit, was Günter Pauler über die Atmosphäre im Studio erzählt hat. Allan beginnt mit Chuck Berry und seinem „Nadine“ , es geht weiter mit „The Tennessee Waltz“ (mit neuer Taylor-Strophe) und mündet in den Klassiker aus den 60ern „Save The Last Dance For Me“ . Dann wechselt spürbar die Stimmung. Allan erzählt über Derroll Adams, spielt seine Ode an ihn („Banjo Man“ ), er erzählt über Alex Campbell und dann ist klar, Günter Pauler hatte zu dem Zeitpunkt nur zwei Optionen. Entweder er mimt den ekligen Plattenboss, schmeißt den unbrauchbaren, sentimentalen Mist weg und fängt noch mal von vorne an nach dem Motto: Jetzt aber richtig, Junge! Oder er steigt jenseits sämtlicher kommerziellen Überlegungen auf die Stimmung ein. Günter macht lobenswerterweise genau das. Er findet in seinem Archiv zwei Aufnahmen, die er 1974 von Alex Campbell gemacht hat, Dylans „When I Paint My Masterpiece“ und Alex mit seiner Frau Patsy „A Wagoner's Lad“ . Damit hat Allan Taylor freie Hand für weitere Reminiszenzen. Nicht nur das, wir hören auch Aufnahmen von Liedern, die er und Derroll gemeinsam Mitte/Ende der 90er Jahre eingespielt haben. Diese Aufnahmen und Erzählungen sind von einer Intensität, Menschlichkeit und Zärtlichkeit, wie ich sie noch nie vorher auf CD gehört habe. Lange, nachdem die Scheibe abgelaufen war, saß ich regungslos und ließ das Gehörte auf mich wirken.


zurück


Home


vor


Mehr über Allan Taylor im Folker! 2/2001