backSongs from the Riverlands

Archie Roach & Ruby Hunter

Gestohlene Kindheit

Foster's? Klar, kennt man, ist ein australisches Bier. Im Englisch-Wörterbuch steht aber noch mehr, nämlich, dass to foster „in Pflege nehmen“ heißt. Gleich als nächstes wird das Wort foul übersetzt, mit böse, gemein, niederträchtig, schäbig – und schon sind wir mitten drin in der Geschichte. Denn das sind die Bedingungen, unter denen die beiden Aborigines Archie Roach und Ruby Hunter aufwuchsen: niederträchtig ihren Eltern weggenommen, und dann in Pflegefamilien, Foster Families, gesteckt. Weiße, versteht sich.

Von Luigi Lauer

Was anmutet wie eine Story aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, ist noch vor 30 Jahren praktiziert worden. „Assimilation“ war das feige Versteckwort in Australien, hinter dem sich eine der übelsten Behandlungen indigener Völker verbarg, die das 20. Jahrhundert zu sehen bekam. Oder, besser gesagt, nicht zu sehen bekommen sollte. Aborigines Protection Board hieß, zynisch, die zuständige Verwaltung. Der Vergleich mit Machenschaften der Nazis, der inflationär herangezogen wird, wenn es gegen Minderheiten geht, trifft hier leider nur allzu gut den Punkt. Denn um das „arische Erbgut aufzunorden“, wie es im hitlerschen Sprachgebrauch hieß, wurden im Rahmen des Lebensborn-Projektes deutschstämmige Kinder aus Norwegen nach Deutschland verschleppt, um da eine Rasse aufzuforsten, die ganz anders aussehen sollte als der Führer himself. In Australien ging der Wahn soweit, aus Schwarzen Weiße machen zu wollen, und die Opfer wurden als „Stolen Generation“ bekannt. Auf 100.000 schätzt man die Zahl der Kinder, meist mit einem weißen Einsprengsel irgendwo im Stammbaum, die zwischen 1910 und 1971 verschleppt wurden.

„We were acting white,
yet feeling black“
(Archie Roach)

Eines von ihnen heißt Archie Roach, 1955 in Mooroopna im Staat Victoria geboren. Seinen Eltern wird er mit drei Jahren weggenommen, „man erzählte mir, sie seien bei einem Brand ums Leben gekommen“, erinnert er sich. Archie RoachSeine fünf Geschwister trifft das gleiche Los. Kindheit und Jugend verbringt er in gleich drei Pflegefamilien. In der ersten bleibt er nur kurz, in der zweiten wird er übel misshandelt, erst in der dritten, der Familie Cox aus Melbourne, wird er liebevoll aufgenommen und gleichberechtigt mit deren Kindern aufgezogen, „wunderbare Leute“. Und doch: „We were acting white, yet feeling black“ heißt es in seinem Song „Took The Children Away“. Erst als Erwachsener lernt er mühselig, was seine Eltern ihm hätten beibringen sollen. Mit fünfzehn läuft er davon, um zu suchen – sich und seine Identität. Auch der Titel seines jüngsten Albums, „Looking For Butter Boy“, erinnert daran. Butter-Boy wurde sein Spitzname, weil er sich als Kleinkind von Kopf bis Fuß mit Butter eingeschmiert hatte. Die Aufnahmen fanden nur eine halbe Stunde von Warrnambool statt, dem Elternhaus, wo er sich butterte. Nachdem Archie aus der Pflegefamilie ausgebüchst ist, landet er auf der Straße, mit nichts als seinen Klamotten und ein paar Pence. Er ist nicht der Einzige, dem das widerfährt, das gleiche Bild zeigt sich in allen großen Städten Australiens. Archie fängt zu trinken an, auch darin findet er reichlich Leidensgenossen. Der härteste Schlag aber kommt mit der Post: Seine Schwester machte ihn ausfindig und schickte ihm einen Brief. Der erste Satz lautete: „Lieber Bruder, Mama ist vor einer Woche gestorben.“ Jetzt erst weiß er, dass seine leiblichen Eltern nicht, wie man ihm sagte, bei einem Brand ums Leben gekommen waren. Seine Mutter lebte nur 45 Autominuten entfernt.

Discographie

Archie Roach:
Charcoal Lane (1990, D 30386)
Jamu Dreaming (1993, D 30851)
Looking for butter boy (1997, MUSH33008.2)

Ruby Hunter:
Thoughts within (1994, MUSH 32309-2)
Feeling good (2000, MUSH 332672)

Alle Alben sind bei Mushroom Records erschienen.

Archie trampt durch die Gegend und kommt nach Adelaide, wo er Ruby Hunter trifft – in einer Unterbringung der Heilsarmee. Sie ziehen in eine runtergekommene Behausung und haben bald zwei Kinder. Doch der Alkohol hat bereits Besitz von Archie ergriffen, Ruby verlässt ihn mit den Kindern. Archie trinkt noch mehr und landet schließlich im Krankenhaus. „Das hat für mich die Wende markiert. Ich hatte schon oft versucht, mit dem Trinken aufzuhören. Nun musste ich, wenn ich nicht daran krepieren wollte.“ Mit zusätzlichem Druck von Ruby geht er zu den Anonymen Alkoholikern und schafft den Absprung. Zu der Zeit schreibt er den Song „Walking Into Doors“, eine wundervolle Ballade, und eine verdeckte Huldigung und Entschuldigung, für Ruby. Die Gitarre dafür hat er sich für ein paar Dollar aus dem Pfandhaus geholt, und spielen gelernt hatte er bei einer Tochter der Familie Cox. „Er wusste es da noch nicht, aber die Musik sollte ihm das Leben retten,“ schrieb Terry McCarthy im Oktober in der Titelstory im Time Magazine über die Stolen Generation, featuring Archie Roach.

„Sie sagten, wir würden
in den Zirkus gehen.“
(Ruby Hunter)

Es sollten noch einige Jahre ins Land gehen, bevor sich der Weg nach oben abzeichnete. Immerhin: Der Weg nach unten war zu Ende. Archie ist 35, als er 1990 sein erstes Album aufnimmt, „Charcoal Lane“, das ihm gleich zweimal den ARIA Award einträgt (Australian Recording Industrie Association) sowie einen Human Rights Award – als erstem Songwriter überhaupt. Zu der Zeit arbeitet er, ausgerechnet, in einem Heim für Obdachlose und hat keine Ahnung, dass er bald seinen Lebensunterhalt als Musiker bestreiten wird. Die Songs auf „Charcoal Lane“ sind sehr persönlich, handeln von seiner Kindheit, vom Alkohol-Missbrauch, von Ruby, vom Leben auf der Straße, und von der Stolen Generation: Mit „Took The Children Away“ identifizieren sich heute Tausende Aborigines, der Song ist beinahe so etwas wie eine Nationalhymne. Anfangs fühlt er sich gar nicht wohl dabei, dass seine Lieder, die er für sich, Ruby und ein paar Freunde geschrieben hatte, nun von jedermann gehört werden können. Verständlich. Doch gerade diese Intimität, das Leiden an einer konkreten Person aufzuzeigen, macht das Album so wertvoll. „Jamu Dreaming“, sein vielleicht schönstes Album, folgt 1993. Nun wird man auch international auf ihn aufmerksam. In den nächsten Jahren geht er mit Billy Bragg, Tracy Chapman, Suzanne Vega (deren Tochter Ruby heißt), Paul Simon und Patti Smith auf Tour und ist Vorgruppe für Bob Dylan und Joan Armatrading – die es sich einmal nicht nehmen lässt, den Sound ihrer Vorgruppe selbst zu mixen. Für den Anfang nicht schlecht. „Looking For Butter Boy“ schließlich, 1997 veröffentlicht, wurde von Malcolm Burn produziert, der auch schon bei Bob Dylan, Patti Smith, Emmylou Harris, Iggy Pop oder Midnight Oil den Ton angab. Für Butter Boy gibt es denn auch gleich drei ARIA-Awards. Mal abwarten, ob er sich noch steigern kann, für dieses Jahr ist eine neue CD in Arbeit.


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