backVon irischer Boygroup zu deutschen Texten

„25 Jahre Liederjan – 25 Jahre Glück für Deutschland“

Ermisch, Noffke und Rieck feiern Jubiläum

Das Motto hätte nicht besser gewählt werden können! Die Feier zum 25. stieg Ende vergangenen Jahres in Alma Hoppes Lustspielhaus in Hamburg. Im brechend vollen Saal feierte das Publikum die bestens aufgelegten Jubilare – Jörg Ermisch, Anselm Noffke und Wolfgang ‚Hein' Rieck. Die ließen sich denn auch nicht lumpen und griffen – unter Beihilfe der Ex-Liederjane Rainer Prüss und Eddi Wagenaar – runde drei Stunden ins pralle Repertoire. Bis man sich dann schließlich im Obergeschoss zu Bier und leichtem Imbiss wiederfand. An ein Interview war zu diesem Zeitpunkt so richtig nicht mehr zu denken. Und wer schon möchte nach harter, wenngleich freudvoller Arbeit an einem Tag, so wunderschön wie diesem, noch endlos Fragen beantworten, die man im Leben gewiss schon x-mal beantwortet hat? Insofern kam das Gespräch mit den Jubilaren dann auch erst ein paar Wochen später zustande. Aber was sind ein paar Wochen schon gegen ein Vierteljahrhundert!

Von Gertraud Kriegenhofer (Liederjan-Geschichte*) und Manfred Wagenbreth (Liederjan-Interview)

Das Phänomen Liederjan fand seinen Anfang wie wohl Hunderte Freundschaften, Ehen und andere menschliche Verbindungen vor einer wider Erwarten verschlossenen Hörsaaltür. Anselm Noffke und Jörg Ermisch, Studenten der Betriebswirtschaft, verbrachten den Rest jenes angebrochenen Nachmittags im Jahre 1968 in einer Kneipe, erzählten sich ihr Leben und beschlossen bei „Getränken“, miteinander Musik zu machen – irische. Musikalischen Hintergrund hatten beide: Als Jörg noch Jörgi war, hatte er jahrelang Cellounterricht, hängte das Cello aber, als er alt genug dazu war, an den Nagel. Er war es leid, von allen möglichen Leuten über das Haar gestreichelt zu werden und „so niedlich“ zu sein. Aus Rebellion griff er etwas später zur Trompete und spielte Old Time Jazz. Klein-Anselm lernte aus Neigung der Eltern Geige und fand seine Liebe zu diesem Instrument nach längerer Abstinenz auf Druck der Musikerkollegen wieder, weil eine Geige in der Band fehlte und er aufgrund seiner Vorerfahrung am ehesten in der Lage war, sie zu spielen. Zusammen mit Jochen Wiegandt und Tom Nitsch wurden sie Tramps & Hawkers, „fühlten sich als Iren“, und waren als solche sehr erfolgreich.

Alle LiederjaneIn den siebziger Jahren entdeckten sie, inzwischen ohne Tom Nitsch nur noch zu dritt, dass es durchaus auch Singbares in deutscher Sprache gibt. Man wollte das deutsche Volkslied nicht den deutschtümelnden Ewiggestrigen überlassen und „Heino und den Hellwigs das Publikum ausspannen“. Am 14. September 1975 hatten Liederjan zur Eröffnung der Hamburger Musiktage ihren ersten öffentlichen Auftritt. Ein Jahr später kam ihre erste Langspielplatte „Deutsche Volkslieder aus fünf Jahrhunderten“ auf den Markt. Das von ihnen zusammengetragene Liedgut erzählt nicht von Sonnenauf- und -untergängen, von Mai, Juni, Juli. Es besteht aus Klage- und Spottliedern, aus Bauerntänzen und Fröhlichkeit jedweder, auch der derben Couleur, dem ganzen politischen und privaten Leben in Musikform, was Liederjan nicht nur Bewunderung, Ruhm und ein riesiges Archiv, sondern damals auch den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit eingebracht hat.

Im Laufe der Jahre kam immer mehr Selbstverfasstes dazu, soviel (und noch mehr), um 1997 ein über 100-seitiges Liederbuch zufüllen: „Liederjans Meisterpausen“. Außerdem wurden diverse Gedichte vertont und deutsche Texte zu Melodien englischsprachiger Lieder verfasst. So entstand unter der Autorenschaft von Jörg Ermisch die Hymne der Folkies im Norden „Land in Sicht“, die ernst zu nehmenden Gerüchten zufolge in die demnächst erscheinende Neuauflage des Schleswig-Holstein-Liederbuches aufgenommen wird.

...mehr dazu im Folker 2/2001
* Auszugsweiser Nachabdruck eines in den Folk-News der LAG Folk Schleswig-Holstein erschienenen Beitrags mit freundlicher Genehmigung der Autorin


Anselm, Jörg, Wolfgang – wie schillert im Rückblick des Festtages Glanz?

Nach all den Vorbereitungen: Freude über eine gelungene Fete und Freude darüber, dass so viele von den alten Pappnasen von zum Teil weither angereist waren. Die Zuneigung, die uns entgegen gebracht wurde, war einfach umwerfend

Bis zur goldenen Hochzeit streckt sich's ja dann doch noch ein bisschen ...

Warum so kleinmütig? Wir planen bereits für die diamantene.

Sicherlich peilt man keine derartigen Jahrestage an, wenn man im juvenilen Überschwang ein musikalisches Unternehmen gründet. Aber wann schwante Euch das erste Mal, dass ihr keine Ex-und-hopp-Boygroup seid?

Das mit der Boygroup hatte sich bald erledigt, weil Jochen bei den Tanzschritten immer auf die Schnauze flog. Nein, im Ernst: Dies war immer unser Traumjob. Die WirrtuosenDas musste einfach klappen. Wenn wir heute irgendwelche Büropinguine (sorry, Freunde!) herumgeistern sehen, nicken wir uns zu und sind uns einig: Die Entscheidung war richtig.

Wie habt ihr die Evolution von der jugendlichen Anarchie ins gelind seriöse Fach erlebt?

Auch wenn früher manches in den Konzerten viel chaotischer ablief und Anselm häufig auf Socken die Bühne betrat, war es, wenn man es genau betrachtet, eigentlich eher umgekehrt. Wir waren – bei allem Witz – damals doch sehr viel ernsthafter. Wir wollten doch die staunende Welt mit dem wahren Volkslied beglücken, den Heinos, Hellwigs und den anderen Stadelmutanten die Zuschauer wegnehmen. Und das anarchische Moment in den Texten ist heute viel ausgeprägter.

Es kann nicht ausbleiben, dass einem anlässlich von Jubiläen die Vergangenheit vorgeworfen wird. Liederjans Wurzeln lagen dereinst ja in der Combo Tramps & Hawkers, die – was sonst? – Irisches spielte. Damals das obligate Entrée in die bunte Welt der Folklore?

So war's. Haargenau! Die Iren hatten genau das, was wir im Grunde immer gesucht hatten: die wunderbaren Melodien, die Texte, die von Rebellion, Liebe und Saufen erzählten, frisch, schwungvoll und grad' heraus. Wir haben viel von ihnen gelernt.

...das vollständige Interview gibt's im Folker! 2/2001


Zur Zeit sind Liederjan mit ihrem Jubiläumsprogramm unterwegs, und seit kurzem ist ihre 16. Tonkonserve „Ach du meine Goethe“ erhältlich. Diese Live-CD gibt viel vom Zauber eines Liederjan-Abends wieder. Zwischen ihrem Einmarsch unter den Klängen des Heiderösleins und „Ergo Bibamus“ als „Das-war´s“ entfaltet sich, „aus Rache für vier, fünf vertane Jahre“, ein vergnüglicher Rundumschlag gegen den Altmeister und alle, die ihn krampfhaft hochhalten. Sowohl Deutschlehrer als auch ihre Opfer werden daran ihre Freude haben. Eine runde Sache zu einem Jubiläum. Discographie

1. Live aus der Fabrik (1976)
2. Mädchen, Meister, Mönche (1978)
3. Volkslieder aus der heilen Welt (1979)
4. Liederbuch (Platte 2 und 3) (1980)
5. Der Mann mit dem Hut (1981)
6. Es kann ja nicht immer so bleiben (1981)
7. He ik mach di (Plattdeutsche Lieder) (1982)
8. Unsre Klingel ist kaputt (1983)
9. Idiotenclub (1985)
10. Mit der Torte durch die Tür (1988)
11. Klammheimliche Hits der frühen Achtziger (1990)
12. Land in Sicht (1990)
13. Wie im Paradies (1994)
14. Die Wirrtuosen (1996)
15. Loses zum Fest - Weihnachtslieder (1999)
16. Ach, du meine Goethe (2000)

Tourplan
(Kontakt: Jörg Ermisch, Tel. 01 78/5 36 85 60)

01.03. Hütten/Schleswig, Hütten Krug
02.03. Hamburg-Harburg, Rieckhof
09.03. Kellinghusen, Ulmenhofschule
10.03. Meldorf, Bornholt
16.03. Osterholz-Scharmbeck, Gut Sandbeck
30.03. Kiel, Räucherei
06.04. Lauterbach/Augsburg, Dorfgasthof
07.04. Lauf, Dehnberger Hoftheater
21.04. Wiesbaden, ¿wo?
22.04. Hochheim, ¿wo?
23.04. Dußlingen/Stuttgart, ¿wo?


LIEDERJAN
Ach Du meine Goethe!

(pläne/BMG 88857)
21 Tracks, 73:36

Seit 25 Jahren sind sie nun schon im Geschäft, unkaputtbar und immer wieder neu... Nach einem grantig-schönen Weihnachtsprogramm nun also der Liederjan-Beitrag oder besser „Nachschlag“ zum Goethe-Jahr. Aber was soll der Rezensent noch Neues über diese verdiente Gruppe schreiben, nach 14 LPs bzw. CDs (Sampler nicht mitgerechnet) gehen so langsam die Superlative aus. Immerhin fällt doch eines auf: Die neue CD ist erstmals seit der Debüt-LP aus dem Jahre 1976 wieder ein Livealbum.

Das ist schön, denn neben der Musik machen auch die locker-flockigen Moderationen von Jörg Ermisch, Anselm Noffke und Wolfgang „Hein“ Rieck (so bislang nicht auf Platte gebannt) einen Liederjanabend zu einem atmosphärischen Erlebnis. Das Goethe-Programm wurde im Mainzer „unterhaus“ aufgenommen und gibt einen guten Eindruck davon. Witzige Moderationen verbinden die Lieder und Texte zu einem abwechslungsreichen Gesamtbild. Da kann man nicht meckern, höchstens vor Lachen, denn das, was die drei Hanseaten rund um das Thema Goethe zusammengestellt haben und in ihrer unnachahmlichen Art darbieten, reicht von Goethe-Vertonungen Schuberts, Haydns und Beethovens bis zu Texten von Heinz Erhardt sowie eigenen Beiträgen. Und das macht die Qualität der Gruppe aus: sie beherrscht von der Parodie und flapsigen Blödelei bis hin zur ernsthaften Darbietung die komplette Bandbreite. Dass sie nach 25 Jahren ihre Folk-Wurzeln nicht vergessen haben, kann anhand eines Liedes der aktuellen CD („Der Lindenschmied“) nachvollzogen werden, das auch schon auf der (inzwischen auf CD wiederveröffentlichten) ersten Liederjan-Platte „Live in der Fabrik“ enthalten ist.

Liederjan — auch nach 25 Jahren ein Genuss!

Ulrich Joosten


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