back„Ich will das Publikum an meine Kunst gewöhnen.“

Bente Kahan

„Jiddischkeit“ aus Norwegen

In Skandinavien schätzt man Bente Kahan als Autorität, wenn es um jüdisches Leben und den Umgang mit jüdischer Kultur geht. Sie wird von der Regierung ins Ausland geschickt, um ihr Heimatland zu repräsentieren. Die Schauspielergewerkschaft wählte sie für ein staatlich-garantiertes Mindesteinkommen auf Lebenszeit aus – eine Auszeichnung, die nur wenigen vergönnt ist und Raum für Recherche-Arbeiten schafft. Man spürt, dass Bente Kahan diese Anerkennung genießt. Auch weil sie ein Zeichen für ein inzwischen in Norwegen vollzogenes allgemeines Umdenken ist. Noch vor etwa zehn bis 15 Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Damals wurde ein Antrag auf Fahrtkostenzuschuss von einer staatlichen Stelle abgelehnt, weil sie angeblich keine norwegische Musik macht. Daraufhin fragte sie nach, ob die Norwegische Philharmonie auf ihren Tourneen auch nur Grieg spiele ...

Von Liane Fürst

Bente Kahan ist keine Folksängerin. Sie ist norwegische Jüdin und Weltbürgerin mit einer Botschaft, ausgebildete Schauspielerin, Sängerin und inzwischen auch Autorin. Erklärungen zu aktuellen politischen Ereignissen in Talk Shows oder Interviews lehnt sie ab. Die Leute sollen ihre Programme anschauen. Das sind ihre Statements: „Erst wenn ich eines Tages nichts mehr mitteilen kann, wird man mich nicht mehr auf der Bühne sehen.“

Discographie

Jiddischkeit (Jiddisch, 1992, Victoria VCD 19064 / pläne CD 88812)

Farewell Cracow (Jiddisch, 1993 LYNOR 9408)

Stimmen aus Theresienstadt (Deutsch, 1996, pläne CD 88803; diese CD gibt es auch in einer englischen und in einer norwegischen Version)

Bente Kahan & Di Gojim (Klezmer, Jiddisch, 1998, MW Records CD 4021 in NL)

Kurt Gerrons Karussell (Gast auf der CD zum Dokumentarfilm v. Ilona Ziok;

1999, Eastwest records /Warner Music Int. CD 3984-27075-2,)

Home ­ Bente Kahan: Jewish Songs (Jiddisch, Hebräisch u.a., 2000 pläne CD 88845)

Die Künstlerin weiß selbst, dass ihr Thema „ Jiddischkeit“ ein sehr schwieriges ist. Aber es liegt so nahe, begründet in ihrer und der Geschichte ihrer Familie, die eine lange musikalische Tradition aufweist. Ihr Vater, 1926 in Rumänien geboren, wurde während seiner Zeit als Jeshiva-Schüler in Munkacs (heute Ukraine), wo er als Rabbi ausgebildet werden sollte, von den Nazis nach Auschwitz und von da in andere KZs verschleppt. Die meisten seiner Angehörigen wurden umgebracht. Der Zufall wollte es, dass er nach dem Krieg in Oslo Fuß fasst und dort später die Jüdin Ester heiratet, deren Familie bereits Anfang des Jahrhunderts aus Russland emigriert war. Oslo ist Bente Kahans Geburts- und Heimatstadt. Doch sie sagt, dass sie sich in jeder größeren Stadt zu Hause fühlt, wo sie auf jüdische Wurzeln trifft.

Künstlerisches Handwerkszeug in Sachen Schauspiel und Musical lernt Bente Kahan in New York und Tel Aviv. Mit 23 erhält sie 1981 am Israelischen Nationaltheater „Ha'bima“ ihr erstes Engagement. Sie spielt zwar große Rollen, aber die Stücke laufen schlecht. So beschließt sie kurzerhand, getrieben von jugendlicher Unruhe und der Überzeugung, dass sie keine Schauspielerin werden kann, nach Norwegen zurückzukehren. Die damalige Direktorin des Nationalteatret Oslo – selbst Jüdin – überredet sie zu einem jiddischen Liederabend. Bente Kahan spürt zwar gleich, dass das „ihre Sache“ ist, doch das Interesse gilt eher dem Kabarett und den kleinen unabhängigen Bühnen. Sie will selbst schreiben. Die ersten eigenen Stücke erscheinen aus heutiger Sicht wie eine Annäherung an die eigene Identität auf dem Umweg über andere Minderheiten. „Bessie, a Bluesical“ (1986) ist der schwarzen Bluessängerin Bessie Smith gewidmet und „Letter Without A Stamp“ (1988) liegt die Geschichte einer nach Norwegen ausgewanderten Iranerin zugrunde.

1990 gründet sie das „Teater Dybbuk – Oslo“ (TDO) – eine Produktionsfirma, die eher eine Rechtsform für staatliche Subventionsmöglichkeiten darstellt und ihr kreativen Freiraum schenkt, mit dem Ziel, die Jüdisch-Europäische Kultur Bente Kahanund Geschichte durch Musik und Schauspiel zu fördern. Acht verschiedene Programme entstehen in den nun folgenden zehn Jahren. Das wohl beeindruckendste und gleichzeitig komplizierteste Stück ist „Morgen fängt das Leben an – Stimmen aus Theresienstadt“ (1995), wovon es neben der Uraufführungsfassung in norwegischer Sprache auch eine deutsche und eine englische Fassung gibt.

Nach einem Konzertabend mit Liedern von Mordechai Gebirtig bittet sie der dänische Jude Paul Aaron, der als Kind Theresienstadt erleben musste, darum, in einem Programm die Lieder, Gedichte und Kabarett-Songs der Häftlinge des Lagers zu interpretieren. Beeindruckend sind Akribie und Tiefe, mit der Bente Kahan in den zwei darauffolgenden Jahren u.a. in Israel, Tschechien und in Skandinavien recherchiert. Zur Hand geht ihr dabei ihre langjährige Co-Autorin und Regisseurin Ellen Foyn-Bruun. Zufällig wird sie dabei auf Texte und Lieder der deutsch-tschechischen Jüdin Ilse Weber (1903-1944) aufmerksam, die als Kinderkrankenschwester in Theresienstadt arbeitete. Kurz vor der Deportation konnte sie ihren ältesten Sohn Hanusch nach Schweden schicken und dadurch retten. Ihr zweiter Sohn wurde wie sie selbst ermordet. Später brachten Mitgefangene dem Ehemann, der den Holocaust schwer krank überlebt hatte, Ilses Gedichte und Lieder. Später ging der Nachlass an Hanusch Weber über. Nach 50 Jahren ist Bente Kahan die erste Künstlerin, der das Recht zu dessen Bearbeitung und Veröffentlichung eingeräumt wurde.


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