backWie die Zeit vergeht

Hubert von Goisern

Mit „Fön“ zurück auf die Bühne

Eigentlich war er schon immer ein Querdenker, Hubert Achleitner, Jahrgang 1952, geboren in Bad Ischl, der erst relativ spät ein Musikinstrument erlernt: Mit 12 Jahren entscheidet er sich für die Trompete, um bereits zwei Jahre später in einem der mehreren Blasorchester seines heimatlichen Goisern volkstümliche Musik zu spielen. Das oberösterreichische Goisern, das sich dank einer Jodschwefelquelle das Attribut „Bad“ zulegen darf, liegt im landschaftlich so reizvollen Salzkammergut, dem österreichischen Länderdreieck von Salzburg (Wolfgangsee), der Steiermark (Aussee) und eben Oberösterreich. Im Rahmen der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus dem Sudetenland bleiben Huberts Großeltern in diesem Flecken hängen, am Hallstätter See, zu Füßen des Dachsteingletschers gelegen. Vater Achleitner erlernt ursprünglich den Beruf eines Friseurs, arbeitete jedoch später in einem Industriebetrieb. Nichts erscheint ihm wichtiger, als seinem Sohn durch eine gezielte Ausbildung eine bessere Zukunft zu ermöglichen (die Mutter wünscht sich einen Arzt, der Vater einen gestandenen Lehrer ...). Doch, wie bereits erwähnt, Hubert war und ist ein Querdenker.

Von Matti Goldschmidt

„Hubert schwitzt. Wischt mit dem Handtuch übers Gesicht. Hält sich nicht auf mit Monologen zwischen den Liedern, sondern zieht das Programm mit den Songs seiner ersten und in deutschsprachigen Ländern so erfolgreichen Platte ‚Aufgeigen statt niederschiassen' durch. Versucht, das Wortgewaber und Gelächter dort drunten zu vergessen. Denkt zwischendrin, daß es doch ein wenig verrückt ist, in der heißesten Metropole der Welt das ‚Hiatamadl', den ‚Wilderer-Rap' oder den ‚Ausseer Landler' zu spielen ...“

Karl Forster: Yodelling in den Schluchten von Manhattan

in: Süddeutsche Zeitung 50 (20.03.94), Nr. 70, S. 3

Discographie

Alpinkatzen feat. Hubert von Goisern, „Alpine Lawine“, 1988, 462624 2

Hubert von Goisern und Die Original Alpinkatzen, „Aufgeigen statt niederschiassen“, 1992, 262 752

Hubert von Goisern und Die Alpinkatzen, „Omunduntn“, 1994, 74321 18962 2

Hubert von Goisern und Die Alpinkatzen, „Wie die Zeit vergeht ...“, Live, 1995, 74321 31174 2

Hubert von Goisern, „Schlafes Bruder“, Filmmusik, 1995, 74321 579022

Hubert von Goisern, „Inexil“, 1998, 74321 579012

Hubert von Goisern, „Gombe“, 1998, 74321 579022

Hubert von Goisern, „Fön“, 2000, 7243 850380 2 0

Tourplan: Blanko Music
Tel: 0 89/74 14 16 10

03.03. A-Linz, Brucknerhaus
04.03. A-Amstetten, J.-Pölz-Halle
06.03. A-Villach, Congress Center
07.03. A-Wien, Theater an der Wien
08.03. A-Bad Ischl, Kongress&TheaterHaus
09.03. A-Graz, Orpheum
11.03. Memmingen, Stadthalle
12.03. Stuttgart, Liederhalle/Hegelsaal
13.03. Karlsruhe, Baadener Landhalle
14.03. Freiburg, Bürgerhaus
15.03. Lindau, Inselhalle
18.03. Aschaffenburg, Stadthalle
19.03. Köln, E-Werk
20.03. Essen, Zeche Carl
21.03. Hannover, Pavillion
22.03. Hamburg, Markthalle
23.03. Bremen, Pier 2
25.03. Berlin, Passionskirche
26.03. Dresden, Alter Schlachthof
27.03. Erfurt, Zentrum
28.03. Hof, Freiheitshalle
29.03. Würzburg, Mainfrankensäle
30.03. Neu Isenburg, Hugenottenhalle
31.03. Regensburg, Audimax
04.04. Augsburg, Congresscentrum
05.04. Lichtenfels, Stadthalle
06.04. Erlangen, Stadthalle
07.04. Rosenheim, Stadthalle
08.04. Ulm, CCU
11.04. CH-Bern, Bierhüberli
12.04. Augsburg, Congresscentrum
17.04. Rosenheim, Ku'Ko
18.-19.04. München, Circus Krone
27.05. Regensburg, Donau-Arena
17.06. München, Tollwood

Nachdem Hubert Achleitner 1968 das musische Gymnasium in Bad Aussee schmeißt und die Schule „seit der 1. Klasse“ sowieso nur ein Problem für ihn darstellt, absolviert er erfolgreich eine Lehre als Chemielaborant („wenn i scho net Musik moch'n ko, dann is es mir wurscht, wos i lern'“) und träumt weiterhin bevorzugt von Musik, die nicht nur irgendwie anders klingen soll als bei ihm daheim, auch der restliche mit traditioneller Musik verbundene „Firlefanz“ müsse abgestreift werden. Und da lange Haare in der zweiten Hälfte der 60er Jahre als unverzeihliche Provokation im ländlichen Salzkammergut, obendrein der Wunsch nach Mitsprache in der altersbedingten Blaskapellenhierarchie als respektlos gelten, fliegt Hubert, obwohl zuverlässiges Orchestermitglied, alsbald aus demselben. Revoluzzer passen nun einmal nicht in diese heile Welt. Die Trompete, da nur ein Leihinstrument, muss gleich zurückgelassen werden. Bei einigen Freunden kann er sich in deren unerschöpflichen Plattensammlungen Trost suchen. So gilt seine besondere Aufmerksamkeit den Beatles, ebenso weißen Bluesmusikern wie John Mayall oder Eric Clapton, vor allem aber auch Muddy Waters („für mich ein ganz großer ‚Blueser', vor dem bin i einfach g'leg'n“).

Goisern, Südafrika, Toronto, die Philippinen und zurück

Noch während seiner Blasorchesterzeit beginnt Hubert von Goisern, zuerst die klassische, dann auch die E-Gitarre zu erlernen. Im benachbarten Bad Ischl wird er zu einer Blues-Session eingeladen, sein erster öffentlicher Auftritt. Nach einem sechsmonatigen obligatorischen Militärdienst im österreichischen Bundesheer und absolut desillusioniert von seinem heimatlichen Umfeld, begibt sich von Goisern 1975 erst einmal nach Südafrika. Johannesburg wird sein neuer Wohnsitz. Er verdient seinen Unterhalt mit Gelegenheitsarbeiten und bereist das ganze Land, nebst einigen Nachbarländern wie etwa Botswana oder Rhodesien, das heutige Simbabwe. Nach zwei Jahren kehrt er nach Bad Goisern zurück, möchte nach Australien. Die Botschaft in Wien erteilt ihm jedoch kein Besuchervisum – er fährt daraufhin wieder nach Johannesburg, für weitere zwei Jahre. Letztlich zermürbt ihn dort nicht nur der auch ihm zukommende Wohlstand auf Kosten schwarzen der Bevölkerungsmehrheit, sondern vor allem das herrschende Apartheidsystem. Privatkontakte zu Nichtweißen werden von allen Seiten mit Misstrauen quittiert, von ihm organisierte gemischte innerbetriebliche Sporttourniere, eine der wenigen Möglichkeiten, Minimalstbeziehungen auf nichtformeller Ebene zu Andersfarbigen aufzunehmen, reichen letztlich nicht aus, länger in Südafrika zu bleiben. Hubert von Goisern kehrt nach Österreich zurück. Jetzt weiß er, dass er sich endgültig voll der Musik widmen möchte. Seine Eltern sind entsetzt, ebenso seine früheren Freunde. Alle verweisen auf seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Andreas, der doch erfolgreich einen „normalen“, d.h. eben bürgerlichen Beruf ausübe. Aber zu guter Letzt ist es gerade dieser Bruder, der Hubert in seinen Ideen moralisch unterstützt („es muss solche wie dich auch geben ...“) und ihm in einer finanziellen Krise auch einmal mit 15.000 Schillingen aushilft (etwa 2.100 Mark). In Wien macht er Bekanntschaft mit Kate, einer aus Kanada stammenden, „ganz wunderbaren“ Malerin. Sie entpuppt sich als seine große Liebe – Künstler ziehen sich nun einmal gegenseitig an – er nimmt nach einer baldigen Hochzeit gleich ihren Nachnamen an. Und so wandert Hubert, nun mit dem neuen Familiennamen Sullivan, ein weiteres Mal aus, und zwar nach Toronto. Während seine Frau als Dolmetscherin arbeitet, jobbt er sich die kommenden zweieinhalb Jahre durch, etwa mit dem Verkauf von österreichischen Skier. Dies alles, um – neben viel Autodidaktik – seinen Privatunterricht im Musikwesen zu finanzieren. Er lernt insbesondere Musiktheorie (Harmonie, Improvisation u.a.), verbessert sein Gitarrenspiel, tanzt Flamenco. Aber auch diese Zeit hat ihr Ende, in der Ehe lebt man sich auseinander. Der Österreicher macht sich ein weiteres Mal auf den Weg zurück nach Bad Goisern, wählt jedoch die Westroute, resultierend in einer ausgedehnten Asienreise. Er bleibt auf den Philippinen hängen, wiederum in den Bergen („überoi, wo Berg san, fui i mi heimisch“), entdeckt schließlich dort während seines fünfmonatigen Aufenthaltes über das Musizieren mit Einheimischen, die ihm u.a. das Spiel auf der Nasenflöte beibrachten, sein Interesse für die Volksmusik seiner Heimat.

„Ich bin der Hubert von Goisern.“

Mit der Erkenntnis, dass es nirgends schöner als daheim sei, kehrt Hubert Achleitner alias Hubert Sullivan 1983, nun bereits 30-jährig, zurück ins Salzkammergut und versucht sich wiederholt auf seiner steirischen (diatonischen) Ziehharmonika. Übrigens ein Geschenk seines Großvaters, der Hubert schon früh ermutigt, auf dem Erbstück zu spielen. Das möchte ihm jedoch nicht gelingen und erst, so eine Anekdote, in einem Vollrausch erkennt er, dass er – ganz ohne Unterricht – aus diesem Instrument doch richtige Töne herausholen kann. Hubert ist fasziniert von diesem Instrument, das man ja auch „anders“ spielen könne, etwas schräger eben als es die ländliche Konvention erlaubt. Eine vierstündige Übungssession als Straßenmusikant auf dem Salzburger Domplatz bringt ihm gleich die beachtliche Summe von 1.200 Schillingen ein. Er beschäftigt sich intensiv mit Liedern und Jodlern der lokalen Volksmusik und sucht den direkten Kontakt zu ihren Vertretern. Jedoch, für Hubert ist Volksmusik nicht alt und ehrwürdig und somit unveränderbar. Ganz im Gegenteil, die Einstellung so manch gestandener Heimatmusikanten, die jegliche Neuerung ausschließen, lehnt er vehement ab. So sucht und findet er, auf den Weg in die österreichische Hauptstadt, ganz konsequent seine eigene Auffassung von Volksmusik. Anfänglich mit Musik für Werbefilme und anderen kleineren Aufträgen beschäftigt, man kann sich gerade über Wasser halten, trifft er 1987 den Wiener Szenemusiker Wolfgang Staribacher, mit dem er sein erstes Alpinkatzenprojekt bestreitet. Das Duo spielt in diversen Klubs und veröffentlicht schließlich im Jahre 1988 das Album „Alpine Lawine“, das sich allerdings nicht unbedingt als Kassenmagnet erwies. Aus dieser Zeit stammt auch Huberts Künstlername. Man stellte sich gewöhnlich einfach mit „das ist der Wolfgang aus Wien, ich bin der Hubert von Goisern“, vor, ohne an etwas Tieferes zu denken. Ein Journalist macht den angehenden Profimusiker irgendwann diesbezüglich auf einen möglichen Künstlernamen aufmerksam, und plötzlich erscheint dieser Ausdruck nicht mehr nur als bloße Herkunftsbezeichnung, sondern als richtiger Name.

Mit den Alpinkatzen zu neuen Gipfeln des Alpenrock

Nach einigen ungelösten Reibereien und Uneinigkeiten trennen sich die Pioniere, Hubert von Goisern nimmt aus dem ersten Live-Programm jedoch solche Hubert von GoisernLieder wie „Hiatamadl“ oder „Heast'as net“ in sein neues Projekt mit: Es gilt, eine ausgefeiltere Mischung aus Volks- und Rockmusik umzusetzen. Ende 1991 formiert sich schließlich die Gruppe „Original Alpinkatzen“, bestehend aus Reinhard Stranzinger, Gitarre: bereits mit 18 Jahren Bandleader und Zimmerer, Stefan Engel, Keyboards: junger Klaviervirtuose, gestört durch Bundesheer, ansonsten Punkrocker, Wolfgang Meier, Schlagzeug: Schriftsetzer, Landesmusikschule, Mozarteum (Salzburg), gleich danach Marokko ... und letztlich, die damalige Idealbesetzung komplettierend, Sabine Krapfinger, Gesang: „Kehlkopfakrobatin“ (so im TV-Nachspann eines ORF-Konzertes), Friseuse, vormals Jodlerin im „Walchsee Seerosen Trio“. Anfängliche live-Auftritte, nur allzu oft unter improvisierten Umständen auf wackligen Bühnen und mit unzureichenden Verstärkeranlagen, werden schließlich abgelöst durch ausverkaufte Konzerte in Österreich und dem südlichen Deutschland. Die Original Alpinkatzen entpuppen sich somit (zumindest in kommerzieller Hinsicht) als bislang erfolgreichste Vertreterinnen einer nicht ganz neuen, aber immer populärer gewordenen Musikrichtung: des New-Alpine-Wave oder Alpenrocks, in dem eben traditionelle Musik aus dem Alpenraum mit modernen Einflüssen der Popmusik wie Punk, Rap oder Rock vermischt werden. Dabei wären in gleichem Atemzug ein bis zwei Dutzend von Namen dieses austro-bajuwarischen Phänomens zu nennen, die sich aus verrauchten Alternativkneipen in Konzertsäle hineingespielt haben, etwa: das Duo Attwenger, Jürgen Büchners Haindling, Broadlahn, die Hundsbuam, ebenso die Biermösl Blasn, der Bairisch Diatonische Jodel-Wahnsinn, Georg Ringswandl oder aber auch der Ostbahn-Kurti. Letzterer geht sogar von der These aus, dass die Amerikaner den Blues in den 20er Jahren aus dem Wiener Bezirk (= Stadtviertel) „Favoriten“ geklaut hätten, und so sei es nur recht und billig, sich das Geklaute wieder zurückzuholen.


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