backDie besondere CD

Wie in jedem Folker gibt es auch diesmal wieder drei CDs, die aus der Masse herausragen:

Portugal DULCE PONTES --> O primeiro Canto
Afrika ROBERT "DOC" MTHALANE --> Respect
Balkan EMIR KUSTURICA & THE NO SMOKING ORCHESTRA --> Unza Unza Time


Die Besondere - Portugal

DULCE PONTES

O primeiro Canto

(Polydor/Universal 543877-2)
14 Tracks, 59:28; Bonus-CD 3 Tracks, 14:27; mit Texten u. Infos

Es ist, als hielten die Sängerinnen mit den schönsten Stimmen Portugals einen fortwährenden Sangeswettstreit ab. Mísia, Cristina Branco, Amélia Muge oder Teresa Salgueiro beweisen mit jedem Album von neuem, zu welchen Höhenflügen sie fähig sind. Mit "O primeiro Canto" hat Dulce Pontes ihre Berufskolleginnen überflügelt. Wie ein Vogel schwingt sich ihre Stimme scheinbar schwerelos in die Höhe, sie singt den Fado so wunderschön wie keine oder läuft der Jazzsängerin Maria João in Sachen Stimmakrobatik den Rang ab. Das bereits 1999 in Portugal entstandene und nun mit einer Bonus-CD mit unveröffentlichten Liedern neu aufgelegte Werk darf als Quantensprung im Schaffen der Sängerin bezeichnet werden. Wo sie früher ihre Stimme mit seichten Pop-Arrangements und Synthesizern unterlegt hat, verzichtet sie hier vollständig auf elektronische Instrumente. Zwar kommt beim Eröffnungsstück noch die Angst auf, die Streicher ertränkten trotz mutiger Arrangements die Stimme. Doch in der Folge sind nur noch Verzückung und wohlige Schauer angesagt. Ihre Stimme verwandelt jedes der ausnahmslos schönen Lieder in kleine Perlen, sei es das traditionelle "Tirioni" oder das herzergreifende "Velha Chica" im Duett mit dem Angolaner Waldemar Bastos. Herausragend auch das Titelstück "O primeiro Canto": Bei der sanften Eröffnung mit Gesang und Gitarre lässt nichts darauf schließen, dass kurz darauf der indische Perkussionist Trilok Gurtu mit Tabla-Wirbeln und Kathak-Gesang mit Hilfe von Kepa Junkera am baskischen Knopfakkordeon und Justin Vali an der Valiha (madagassische Bambusharfe) das Schiff via Madagaskar nach Indien und zurück nach Portugal steuern werden. Trotz weiterer Begleitmusiker aus aller Welt wie Wayne Shorter (Saxophon), Myrdhin (Harfe) oder Anders Norudde (Schwedischer Dudelsack) ist ein durch und durch portugiesisches Album entstanden. Verantwortlich dafür zeichnen eine eindrucksvolle Dulce Pontes und ihre Landsleute Luis Pontes, Leonardo Amuedo an Gitarre und Stehbass sowie Filipe Lucas (portugiesische Gitarre).

Martin Steiner


Die Besondere - Afrika

ROBERT "DOC" MTHALANE

Respect

(Melt/EFA 89094-2)
9 Tracks, 50:42

Gleich beim ersten Hören war ich gefangen von der außergewöhnlichen Schönheit, die diesem Album innewohnt, von der Atmosphäre, die es verbreitet: Es nimmt den Hörer in Besitz und spielt mit der ganzen Bandbreite seiner Emotionen. Dabei ist es eine fast schlichte Produktion, nur wenige Details sind eingestreut, sie sind allesamt hörenswert, und nicht eines ist zuviel. Hier findet das Wesentliche statt: zwei Akkorde und eine schöne Melodie, das aber mit Liebe zur Musik ausgeführt, und schon ist alles da, was das Herz begehrt und anrührt. "Respect" ist das letzte Album von Doc Mthalane, der als der Rocker Südafrikas galt. 1998 verstarb er, die CD war so gut wie fertig. Busi Mhlongo, deren Gitarrist und Songwriter er lange Jahre war, fügte ihr Tribut "Song for Doc" hinzu, ein Song, der eine Klasse für sich darstellt. Des weiteren sind Mabi Thobejane (einst Drummer bei Miles Davis), Madala Kunene und Brice Wassy (u.a. Manu Dibango) zu hören. Wäre Mthalane´s letztes Album ein Film, des Weinens wäre kein Ende, vor Freude wie vor Traurigkeit. Ein bewegender, weil großer Wurf. Ein großer, weil bewegender Wurf. Respekt.

Luigi Lauer


Die Besondere - Balkan

EMIR KUSTURICA & THE NO SMOKING ORCHESTRA

Unza Unza Time

(Cabiria/Barclay/Universal 5438042)
16 Tracks; 63:56; Infos in engl.

Emir Kusturica? Klar doch, den kennt man von irgendwoher. Richtig, der vielleicht wichtigste zeitgenössische Filmemacher (Ex-) Jugoslawiens, der reihenweise internationale Preise einsammelte. Gleichwohl hatte er auch eine Vergangenheit als Bassist bei der Rockband Zabranjeno Pusenje. 1986 schloss sich Emir dem seinerzeit schon fast legendären No Smoking Orchstra seiner Heimatstadt Sarajevo an. Der Bürgerkrieg brachte dann aber das vorläufige Aus für die "Nichtraucher", doch jetzt haben sie sich reformiert und legen ein furioses Comebackalbum vor. Das 10köpfige Ensemble, verstärkt durch weitere SessionmusikerInnen, brennt auf "Unza Unza Time" ein wahres akustisches Feuerwerk ab. Dank des breitgefächerten Klangkörpers (zum einen ein typisches Rockbandinstrumentarium, zum anderen diverse Streich- und Blasinstrumente inkl. Tuba, dazu Akkordeon, Bass Balalaika u.a.m.), der ausnahmslos mit Spitzenleuten besetzt ist, kann das NSO die insgesamt 16 Songs und Instrumentals sehr variabel und vor allem fantasievoll arrangieren. Stilistisch bedienen sich Kusturica & Co. an allen möglichen Genres: angefangen von heimischen Polkas und Gypsy-Folk über Rag und Jazz bis hin zu Heavy- und Punk-Rock. Allerdings vermengen sie nicht einfach alles, sondern verknüpfen die einzelnen Elemente ganz geschickt zu spannenden, dabei oft überraschend melodischen Klangcollagen. Bandgründer Nelle Karajilic singt sich seine Seele aus dem Leib. Die Lieder werden Bemerkenswerterweise nicht nur in serbokroatisch, sondern (fünf) auch in englisch und (zwei) gar deutsch (!) gesungen. Letztere sind recht skurril, teilweise ironisch-bissig wie z. B. "Devil In The Business Class", "Pitbull Terrier" oder "Drang nach Osten". Schade nur, dass der CD kein Textheft zum besseren Verstehen beiliegt. Jedenfalls wird klar, weshalb das NSO nicht nur in seiner Heimat so geschätzt wird, sondern gerade auch in Frankreich über eine große Fangemeinde verfügt. Vor allem Ian Dury und Frank Zappa hätten an diesen Balkan-Pogues ihre Freude gehabt! Wohl dem, der sie live erleben oder sich wenigstens diese CD zulegen kann.

Roland Schmitt


Mehr CD-Rezensionen im Folker! 2/2001